—14.06.2010
Das aggressive Türklingeln durch den Postboten riss mich erst aus dem Schlaf und dann aus dem Bett. Es war früh am Morgen, es muss etwa halb elf gewesen sein. Da ich schon mal wach war, trank ich Kaffee, las Zeitung und wurde allmählich wach. Erinnerungen tauten auf und ich wurde mir meiner eigenen Identität bewusst. Wie bei einem wirklich alten Computer wurden Daten in meinem verstaubten Arbeitsspeicher geschaufelt. Es war dann elf, als ich duschte und gegen 14 Uhr fand ich mich im urbanen Untergrund wieder und stieg in die Untergrundbahn. Dort sah ich sofort N. stehen, die gelangweilt (und leicht angeekelt) versuchte, Augenkontakt mit Fremden zu vermeiden. Ich schaute N. ins Gesicht, in die großen braunen Augen; sie ist schön, verdammt attraktiv. Es war einmal, als ich mich durchaus in N. verguckt hatte (hier untertreibe ich maßlos), doch sie wollte nicht mal ins Kino mit mir. Damals, vor einer ganzen Weile, vor fast schon zehn Jahren; eine Menge an Minuten, Stunden, Momenten. Und nun stehen wir hier in der U-Bahn und reden nicht mal miteinander. Ich gehe an ihr vorbei und setze mich. Sie guckt weiter an die Decke. N. ist so eine, die mit glitzernder Handtasche zur Uni trippelt; eine, die behangen ist mit geschmacklosem Schmuck, mit goldenem Geklimper.
Ich hatte sie mal bei IKEA getroffen, das mag inzwischen auch schon ein Jahr her sein. Ich hatte gute Laune und sprach sie an, was ich sofort bereute, als sie nicht mal stehen bleiben wollte. In diesem Moment kam mir das Schicksal in Form einer dicken gelben Frau zur Hilfe. N. rannte gegen diese wohlbeleibte IKEA-Mitarbeiterin, die ins Koma fiel und später verstarb. Ich nutzte die Gelegenheit und stellte mich schnell vor (hatte ich doch den Eindruck, N. würde gar nicht wissen, wer sie da überhaupt anquatschte) und fragte zwei, drei Fragen, die N. im Aufstehen beantwortete. Ich machte mir Notizen: Sie studierte Jura und sei erfolgreich bei dem, was Juristen eben so machen. (Koksen?) Sie zupfte sich den Busen zurecht und rannte davon.
«Aber N. – bist du denn bei Facebook? Hast du E-Mail? Fax?», schrie ich noch, aber es war zu spät, sie verschwand zwischen den Poängs, Ivars und Billy-Regalen. (Ich klaute aus Frust alle IKEA-Bleistifte, mit denen ich noch heute diese Zeilen schreibe.)
Sie stieg irgendwann aus der Bahn, schaute ganz kurz zu mir rüber und war dann weg. Vielleicht werde ich mal in einem Rechtsprozess auf N. stoßen, ich mit meinem Anwalt, der so gut ist, weil er die Chewbacca-Verteidigung kennt: «If Chewbacca lives on Endor, you must acquit! The defense rests.»
Einspruch, Euer Ehren!
Abgelehnt.
—09.06.2010
«Im Wald kam mir ein alter Greis entgegen und ich dachte: Der ist hier noch ’45 durchs Gestrüpp und hat gekämpft und ich jogge hier aus Spaß über das ehemalige Schlachtfeld!»
«Eigenartige Gedanken, die du dir da machst. Hör doch lieber Musik beim Laufen.»
«Die bringt mich nur aus den Rythmus! Ich möchte nun aber von meinem letzten Buchladenbesuch berichten, denn auch hier kam es zu einer unangenehmen Begegnung mit dem Alter und einem Greis. Denn Männer werden im Alter nicht selten ziemlich wunderlich. Sie tragen rote Hosen und geistern durch Buchläden, halbtot, verwesend und nicht mehr ganz auf dieser Welt weilend. Mit einem Bein im Grab, im Jenseits, bei diesem Gott. Zurückhaltung und Manieren wurden längst aufgegeben. Manchmal läuft hier und da was raus (Blut und Pipi, Benzin und Öl), da ist schon längst nicht mehr alles nicht.
Laut furzend steht dieser alte Mann vor den Büchern (Hitler, Himmler, Nazis, Nazis, Nazis). Ein langer feuchter Furz strömt aus seinem Darm. Danach herrscht Totenstille. Die Menschen verbleiben starr, werden teilweise zu Salzsäulen oder sterben vor Ekel; nur hinten lachen sie leise. Flugs stoben sie alle davon, Panik bricht aus, nur weg von dem alten Mann in roten Hosen, der natürlich so tut, als sei nichts gewesen. Der Buchladen wird versiegelt und demnächst gesprengt. Werde nun komplett auf Amazon umsteigen müssen.»
«Aha. Aber es gibt auch komische Frauen!»
«Ach!»
«Pass auf: Draußen steht so eine [Frau] rum, sie trägt eine graue Jacke, dabei ist es ziemlich heiß. Sie schaut mich an. Nicht die Jacke, sondern die junge Frau darin. Ihre Augen weisen keine Besonderheiten auf. Es sind zwei, sie stecken in den Augenhöhlen in einem Kopf, der auf einem kleinen Körper sitzt. Was will die nur? Sie kommt näher. Ob ich mal kurz Zeit hätte. Ich wende ein, dass ich Hunger hätte. Ist auch nur kurz! Worum geht es denn? Sie erzählt von einem Projekt. Jugendliche würden Zeitschriften verteilen (oder so was). Ach das, sage ich, nö, behaupte ich, das interessiert mich nicht. Ich lese auch nur noch Bücher, die ich bei Amazon kaufe. Sie fragt: Warum denn nicht? Ziemlich hartnäckig. Sie würden diese Jugendliche testen und ich würde doch immerhin kostenlos irgendeine Zeitschrift erhalten. Aha, denke ich, aber wo ist eigentlich dein Klemmbrett, junge Frau? Willst du dir etwa merken, wo ich wohne und welche Zeitschrift ich gern hätte? Ich stelle sie zur Rede und sie behauptet, sie sei inselbegabt und habe ein unglaubliches Adressengedächtnis! Ich würde staunen, wessen Anschrift sie in ihrem Kopf gespeichert habe. Mir wird das nun aber doch zu viel und mein Magen knurrt auch schon, also sage ich, dass ich keine Jugendlichen testen möchte und sowieso genug zu lesen habe. Abschließend wünsche ich diesem Mädchen noch: Viel Spaß! Es ist die einzige Floskel, die ich beherrsche und so ziemlich immer anwende: Ich muss nun ein Dutzend verbrannte und verstümmelte Leichen identifizieren. – Viel Spaß! Ich muss in die düsteren Säureminen, arbeiten. – Viel Spaß! Ich muss mir mal was Neues einfallen lassen, mir eine zweite Floskel beibringen.»
«Mein herzliches Beileid, schön dich zu sehen, ich hoffe, du hattest einen schönen Tag, schönes Wochenende, eine gute Reise, viel Erfolg!»
«Später komme ich vom Essen wieder und sehe dieses Jackenmädchen immer noch in der prallen Sonne stehen. Dann geht sie in Flammen auf. Wie so ein Vampir.»
«Edward.»
«Hör mir auf!»
—18.05.2010
Ich musste so stark und plötzlich niesen, dass mir der Kopf brummte, nachdem alles raus geschossen war. Benommen und verwirrt hockte ich eine ganze Weile da, mir nicht sicher, noch am Leben zu sein. Schnell beschlich mich die Befürchtung, dass sicherlich auch einige wichtige Gedanken rausgeflogen sein könnten; Wörter und Erinnerungen. Darunter das Fachwort für Vetternwirtschaft. Vergessen. Die Weltformel: eben noch da! Die vielen Namen von den vielen Leuten: alle weg. Keine Ahnung. Ich bin Homer mit Stift im Hirn. Und wie spät ist es eigentlich? Dienstag? Schon?! Fuck.
Völlig übermüdet (und überbewertet) saß ich wieder ganz hinten im toten Winkel und dachte über das kommende Mittagessen nach, ich würde mir wohl einen Käse-Bagel holen, beschloss ich. Vorne baute sich jemand auf, um ein Referat zu halten. Wie in der Schule. Auch vom Niveau her. Ich gähnte und die neben mir – total süß – ebenfalls. Der Vortrag begann, ich rief E-Mails mit meinem Mobiltelefon ab und freute mich über eine Nachricht von Amazon: Man habe meine Bestellung verschickt. Meine Laune stieg angesichts dieser frohen Botschaft sofort an. Böse schauten mich die militanten Antikapitalisten an, die meine Gedanken und Mails mitlesen, warum auch immer. Ist mir nicht so ganz klar, was sie bezwecken: Ob sie meine Entführung planen? Wohl kaum. Ein Opfer für einen solchen Plan wäre dieser Kommilitone von mir, den ich gestern dabei erwischte, wie er in (seinen) BMW stieg.
«Im SPIEGEL stand neulich, wie man ein Auto erfolgreich in Brand setzt: Vier brennende Grillanzünder auf die Reifen legen.»
«Die BILD-Zeitung der Studenten.»
«Der Vorteil ist, dass man in Ruhe weggehen kann, ehe das Fahrzeug in Flammen steht.»
«Ja, stimmt. Aber ich grille lieber.»
Plötzlich wird alles jäh unterbrochen, denn die Referentin vorne fordert allen Ernstes das Männchen auf, was von ihrer Folie (PowerPoint) vorzulesen.
«Kannst du das mal vorlesen?»
Das Männchen schaut das Mädchen an und sagt: «Ich denke gar nicht daran.»
«Was?»
Großartig, wirklich, also mal ehrlich! Ist alles auf Englisch. Hat sie aber selber Schuld, ist ja ihr Vortrag. Soll sie den Scheiß selber vorlesen, klar. Also liest sie das alles vor, es geht weiter, es geht auch um Webseiten. Und wie sie das alles benennt und betont – man weiß sofort, dass sie keine Ahnung davon hat, von diesem «Internet».
Hier ist immer von diesem Internet die Rede. Wo kriege ich das denn? Kann ich das in meinem Fernseher sehen? Im Radio? Auf dieser Ebene bewegen wir uns da. Das sind so Leute, die ausschließlich über Social Networks kommunizieren und dir (und mir) auch diese scheußlichen Kettenbriefe o.ä. (Spam) zukommen lassen. Neulich rotzte mir da jemand folgende Rührseligkeit hin: «Mein Wunsch für 2010 besteht darin, dass die Menschen verstehen, dass Kinder mit einer Behinderung keine Krankheit haben. [...] 93% der Menschen werden diese Meldung nicht kopieren und als Statusmeldung verwenden.» Nun, ich klickte auf «Entfernen», einer meiner Lieblingsbuttons auf dieser Plattform.
Neulich hatte ich es eilig und eilte durch die endlos langen Flure der Universität, als plötzlich ein Rollstuhlfahrer aus einer Tür auftauchte und sich vor mich setzte und in gemächlichem Tempo vor mir her zuckelte. Beeil dich, los, fahr, dachte ich wütend und gereizt. Und warum hatte ich es da schon wieder eilig? Keine Ahnung. Vergessen. Alles weg.
Nepotismus!
—13.05.2010
Obwohl wir es nicht eilig haben, oder vielleicht, weil wir es eilig haben, sind wir schnellen Schrittes die Treppe runter, in den Untergrund. Da steht die Bahn, die Türen sind schon zu, doch sie fährt nicht, wir kommen näher und ich drücke diesen Knopf, als würde ich an einer Haustür klingeln. In diesem Moment setzt sich der silberne schwere Körper in Bewegung, die U-Bahn nimmt allmählich an Fahrt auf. Uns ist das Recht, warten wir eben die paar Minuten auf die nächste, unterhalten uns noch, was auch immer. Aus einer Laune recke ich die Faust, als würde ich ernsthaft erbost sein, dass die Bahn vor unserer Nase davonfährt.
«Sei verdammt, Unhold, bis ins elfte Glied, spüre meinen Zorn!»
Bahn- und Busfahrer können Sadisten sein, fahren los, obwohl im strömenden Regen noch Menschen angelaufen kommen, weinend und blutend, mitwollend. Doch keine Gnade, der nächste Bus kommt ja in zwei Stunden, das ist doch nichts, Zeit ist relativ, und unter den Bäumen wird man auch nicht ganz so nass. Lachend tritt der Fahrer aufs Gas und düst davon. Und wir drinnen lachen mit, sind Komplizen und einmal mehr froh, nicht draußen stehen zu müssen. Es muss wie damals sein, als die jüdischen Nachbarn plötzlich verschwunden waren und man sich am Mobiliar vergreifen konnte. Als guter Deutscher war man doch sicherlich erleichtert, dass die düsteren SS-Schergen mit ihren schmierigen Stiefeln nicht den eigenen Teppich ruiniert haben.
«Wir haben doch nichts gewusst!»
An diesem Abend aber war es anders. Der Bahnfahrer muss meine geschwindelte wütende Geste gesehen haben, die Bahn bleibt plötzlich stehen, die Türen gleiten auf. Ich bin Gott, ich spüre die Macht, ich bin unsterblich! Ungläubiges Staunen bei denen, die mit uns ankamen, das hat es so auch noch nie gegeben. Wir steigen zu.
—
Draußen ist inzwischen wieder Herbst, der Frühling entfiel, der Sommer gleich mit und nun regnet es und ich friere. In der Bahn stehend sehe ich sitzend J.; ich zögere kurz, hocke mich dann aber doch zu ihr und wir reden ein wenig.
«Kaugummi?», fragt sie plötzlich und hält mir eine Packung Wrigley’s Extras hin. Habe ich Mundgeruch? Nein, unmöglich, habe ich doch eben erst ein Kaugummi gekaut, aus Langeweile, und Zwiebeln hatte ich auch keine, ebenso wenig wie Knoblauch. Kann sein, dass mir etwas Blut in den Mundwinkeln klebt, aber das riecht nicht.
«Danke, aber ich hatte heute schon drei», sage ich, als redete ich von Bier oder Schnaps. «Dein wievieltes ist das heute? Ich meine, es ist gerade einmal, was? Zehn Uhr!»
Urkomisch, denke ich, aber sie versteht das offenbar alles nicht so recht und ich quassele noch ein bisschen und dann geht sie einen anderen Weg. Komische Person, aber hübsch.
«Ist das die Tennisspielerin?»
«Ja. Ich hab hier ihr förmliches Schreiben vorliegen.»
(Liest vor:)
«Wir können gerne mal einen Kaffee trinken gehen. Aber im Moment habe ich total viel Stress.»
«Die Leute sterben alle noch, weil sie so viel Stress haben!»
«Dann kriegt man im Restaurant schneller einen Platz. Oder im Bus. Und im Supermarkt ist es auch nicht mehr so voll. Und das Reservieren wird überflüssig! Freund, ich kann nur Hoffnung machen auf diese wunderbare Welt!»
«Da müssten aber hauptsächlich die Männer sterben.»
«Ganz klar!»
«Dann wird’s gut.»
—10.05.2010
Beim Versuch in die Bahn zu gelangen: Ein Mann mit langen Haaren und knittrigem Anzug will irgendwas wissen von mir, ich versteh aber nichts, höre Musik, wie jeder hier, reiße mir die Stöpsel aus den Gehörgängen und frage nach: Was willst du denn? Er rotzt mir komische Laute entgegen, es ähnelt keinem der Wörter und Redewendungen, die in meinem Kopf gespeichert sind, ich kann ihm nicht helfen. Ein dicker Türke steht plötzlich da, er trägt einen engen blauen Pullover, etwas speckig und verwaschen. Er weiß, was der Yuppie-Hippie will, und antwortet, dann steigen endlich alle ein und es geht los, weiter, wie auch immer. Steige Minuten später wieder aus, treffe eine Kommilitonin, die ich lange nicht mehr gesehen habe, ein viel angenehmeres Gespräch als diese merkwürdigen Bahnkonversationen mit Fremden.
Am Wochenende lag die Innenstadt in Schutt und Asche, laute Fußballfans stampften umher, sangen, gröhlten und soffen, weil ihr Verein nicht absteigen wird, das reicht hier aus, um völlig abzugehen, alles zu vergessen – sich selbst am schnellsten. In der Bahn saß eine Punkerin mit billigem Flaschenbier, wir redeten kurz. Sie freue sich schon auf das Spiel gegen St. Pauli, da würde sie dann auf jeden Fall ins Stadion. Zum Abschied reicht sie mir die Hand, hau rein. Weiter vorne hustet jemand feucht, da kommt richtig was aus den Bronchien geschossen, minutenlang, Schwälle von Speichel, Bröckeln und kleinen Fleischfetzen.
Angekommen, nun sitze ich in einer Vorlesung über Afrika, die Dozentin trägt etwas zum Jihad in Nordnigeria vor, 18./19. Jahrhundert. Alle heißen Mohamed, es wird viel gekämpft, gesiegt, missioniert und belagert. Usman hier, Mohamed da, all der Aufwand für den einen Gott, all der Krach, das Töten, das Spalten.
Am gelben Briefkasten draußen klebt ein Hinweis an die Studenten, dass die Post teamfähige und körperlich gesunde Menschen zur Austragung von Briefen und Paketen sucht. Könnte sich nun also mein heimlicher Traum, Briefträger zu werden, doch noch erfüllen? [...]
—07.05.2010
Als armer Student und Co-Autor kann ich mir auf Recherchereisen kein eigenes Hotelzimmer leisten und teile es mir stattdessen oft mit Meyer, der als Fotograf mehr oder minder erfolgreich seine Brötchen verdient. (Das ist wörtlich zu nehmen.) Seine Gesellschaft kann anstrengend sein, besonders, wenn er sich ein Mädchen angelacht hat. Meistens sind das irgendwelche billigen Nutten, die er nicht teilen will. (Nur selten hocken verstörte ängstliche Stricher vom Bahnhof auf der Bettkante.)
Es kommt also vor, dass ich im Flur des Hotels auf dem Boden hocke und Snickers aus Automaten esse und warte. Wenn mir das zu lange dauert, finde ich oft zusammengerollt in Blumentöpfen eine ruhige Zuflucht und zumeist sogar etwas Schlaf. Ich selbst bin vorsichtig, was den organisierten Beischlaf im Ausland betrifft, habe ich doch die schlechten Noten der Stiftung Warentest im Hinterkopf, wenn ich an den zahlreichen verbrauchten Körpern, die sich mir anbieten, vorbeischlendre, während Meyer keine Skrupel oder Bedenken hat und schnell noch Scheine aus dem Geldautomaten zieht, um sich auch etwas Analsex leisten zu können. (Ich habe es ihm gerichtlich verbieten lassen, mich nach finanzieller Unterstützung zu fragen.) Es sind aufregende, und gefährliche Zeiten; aber besser als zu kämpfen, an der Front, in fremden Kriegen.
Es sind Zustände, die kaum zu ertragen sind, aber nur kurz andauern, ein Woche, vielleicht zwei
In Restaurants und in billigen Spelunken sondiere ich die Umgebung und frage mich, ob dieser Ort mir Gelegenheit böte, in Ruhe kacken zu gehen. Denn im Hotel, in diesem kleinen Kabuff mit kleinem Bad – dazu noch ohne Fenster -, will ich nicht. Meyer im Nebenraum sitzend, zwischen uns pappdünne Wände; und ich in diesem befliesten Raum, im Durchfall mich erleichternd? Niemals! Der Fernseher dröhnt, Meyer ist besoffen und liegt auf dem Boden, jaulend, schluchtzend. Wein sickert in den Teppich: besoffene Fasern, Viren, Bakterien. Es sind Zustände, die kaum zu ertragen sind, aber nur kurz andauern, ein Woche, vielleicht zwei; dann trennen sich unsere Wege wieder und ich habe ein eigenes Bad, ein eigenes Bett und all das, was ich sonst nicht so recht zu schätzen weiß, besonders, wenn ich der Einzige bin, der daliegt, grübelnd und hoffend, aber passiv und wartend.
«Verbaler Nachklapp!», schreit Meyer viel zu laut. «Zeit fürs Abendessen!»
Es sind fünfzig Euro aufgetaucht, die wir schnell in die hiesige Währung eingetauscht haben. Es wird uns ein üppiges Festmahl erlauben.
«Von allem was und zwar reichlich», bestellt Meyer großkotzig und wenig später tragen sie Schüsseln, Teller und überlaufende Bottiche an den Tisch, der sich biegt.
«Wir werden auf Tage gesättigt sein», vermute ich und beiße in einen herrlich saftigen Schafskopf. Stunden vergehen, wir kauen und mampfen. Überfressen und voll lasse ich mich zu Boden gehen, zu keiner Regung mehr fähig. Mayday, Mayday. Tage vergehen, draußen geht das Leben weiter, Sonnenauf-, Sonnenuntergang. Sind es Wochen oder Monate, die vergangen sind? Bärte sind uns gewachsen, lange Haare und ein muffiger Geruch. Der Ort ist perfekt.
«Ich geh kacken», verspreche ich, stehe auf, die Wampe haltend. Eine Mordsanstrengung. Ein Kampf.
Ich sitze da und lese ein bisschen in meinem kleinen Reiseführer, um mich wenigstens ein bisschen wie ein Tourist zu fühlen, als jemand in die Toiletten poltert, kichernd, liebend. Sie dringen in die Nebenkabine ein, ficken heftig und laut, stöhnen, schreien. Wie soll einem hier eine entspannte Defäkation gelingen? Gar nicht! Die Hose vom Boden holend, anziehen, raus, Meyer suchen. Ist weg, klar. Sie räumen das Geschirr weg, unsere Hinterlassenschaft, das Schlachtfeld, die zahlreichen toten Gerippe, säuberlich abgenagt.
«Bis zun nächstem Male!»