Beizeiten applaudieren sie
«Im Wald kam mir ein alter Greis entgegen und ich dachte: Der ist hier noch ’45 durchs Gestrüpp und hat gekämpft und ich jogge hier aus Spaß über das ehemalige Schlachtfeld!»
«Eigenartige Gedanken, die du dir da machst. Hör doch lieber Musik beim Laufen.»
«Die bringt mich nur aus den Rythmus! Ich möchte nun aber von meinem letzten Buchladenbesuch berichten, denn auch hier kam es zu einer unangenehmen Begegnung mit dem Alter und einem Greis. Denn Männer werden im Alter nicht selten ziemlich wunderlich. Sie tragen rote Hosen und geistern durch Buchläden, halbtot, verwesend und nicht mehr ganz auf dieser Welt weilend. Mit einem Bein im Grab, im Jenseits, bei diesem Gott. Zurückhaltung und Manieren wurden längst aufgegeben. Manchmal läuft hier und da was raus (Blut und Pipi, Benzin und Öl), da ist schon längst nicht mehr alles nicht.
Laut furzend steht dieser alte Mann vor den Büchern (Hitler, Himmler, Nazis, Nazis, Nazis). Ein langer feuchter Furz strömt aus seinem Darm. Danach herrscht Totenstille. Die Menschen verbleiben starr, werden teilweise zu Salzsäulen oder sterben vor Ekel; nur hinten lachen sie leise. Flugs stoben sie alle davon, Panik bricht aus, nur weg von dem alten Mann in roten Hosen, der natürlich so tut, als sei nichts gewesen. Der Buchladen wird versiegelt und demnächst gesprengt. Werde nun komplett auf Amazon umsteigen müssen.»
«Aha. Aber es gibt auch komische Frauen!»
«Ach!»
«Pass auf: Draußen steht so eine [Frau] rum, sie trägt eine graue Jacke, dabei ist es ziemlich heiß. Sie schaut mich an. Nicht die Jacke, sondern die junge Frau darin. Ihre Augen weisen keine Besonderheiten auf. Es sind zwei, sie stecken in den Augenhöhlen in einem Kopf, der auf einem kleinen Körper sitzt. Was will die nur? Sie kommt näher. Ob ich mal kurz Zeit hätte. Ich wende ein, dass ich Hunger hätte. Ist auch nur kurz! Worum geht es denn? Sie erzählt von einem Projekt. Jugendliche würden Zeitschriften verteilen (oder so was). Ach das, sage ich, nö, behaupte ich, das interessiert mich nicht. Ich lese auch nur noch Bücher, die ich bei Amazon kaufe. Sie fragt: Warum denn nicht? Ziemlich hartnäckig. Sie würden diese Jugendliche testen und ich würde doch immerhin kostenlos irgendeine Zeitschrift erhalten. Aha, denke ich, aber wo ist eigentlich dein Klemmbrett, junge Frau? Willst du dir etwa merken, wo ich wohne und welche Zeitschrift ich gern hätte? Ich stelle sie zur Rede und sie behauptet, sie sei inselbegabt und habe ein unglaubliches Adressengedächtnis! Ich würde staunen, wessen Anschrift sie in ihrem Kopf gespeichert habe. Mir wird das nun aber doch zu viel und mein Magen knurrt auch schon, also sage ich, dass ich keine Jugendlichen testen möchte und sowieso genug zu lesen habe. Abschließend wünsche ich diesem Mädchen noch: Viel Spaß! Es ist die einzige Floskel, die ich beherrsche und so ziemlich immer anwende: Ich muss nun ein Dutzend verbrannte und verstümmelte Leichen identifizieren. – Viel Spaß! Ich muss in die düsteren Säureminen, arbeiten. – Viel Spaß! Ich muss mir mal was Neues einfallen lassen, mir eine zweite Floskel beibringen.»
«Mein herzliches Beileid, schön dich zu sehen, ich hoffe, du hattest einen schönen Tag, schönes Wochenende, eine gute Reise, viel Erfolg!»
«Später komme ich vom Essen wieder und sehe dieses Jackenmädchen immer noch in der prallen Sonne stehen. Dann geht sie in Flammen auf. Wie so ein Vampir.»
«Edward.»
«Hör mir auf!»