An Deck sind noch Stühle frei

—27.06.2010

Ich hatte es mir gönnen können, mich inkognito in eine Lesung meines eigenen Schundromans zu schleichen, um so unbeeinflusste Reaktionen auf den Text zu studieren. Mit falschem Bart und Wimpern sowie angeklebten Ohren ließ ich mich unerkannt in ein speckiges Sofa fallen und lauschte folgend meinen Worten aus einem fremdem Mund kommend; es waren Sätze, die mir selbst nur noch flüchtig bekannt vorkamen, weil ich selbst den (sehr komplexen) Inhalt des Buches inzwischen vollständig verdrängt hatte.
Die Menschen hörten zu, ich schaute in skeptische Mienen. Hier und da immerhin ein mildes Grinsen, gebogene Mundwinkel. Dann verhaltene Skepsis (und leichte Abscheu), als die Wörter Sperma, Schamhaare und Ficken durch den Raum waberten; ich selbst war überrascht, ob der höchst vulgären Vokabeln, fand die Sätze aber lustig. Ich betäubte mich mit billigem Bier und hätte hemmungslos losgelacht, wenn ich mich nicht zurückgehalten hätte. Ich wäre der einzige Lachende gewesen, auf den meisten Gesichtern der Anwesenden stellten sich schnell fast schon entgeisterte Mienen ein, es herrschte grobes Unverständnis, Ablehnung, blanker Hass. (Ich übertreibe; begeistert war man innerhalb der Zuhörerschaft aber nicht gerade.) Neben mir saß einer, der wohl am liebsten das Bundesamt für Schundmedien alamiert hätte, das mich in Handschellen und mit festen Magenschlägen abgeführt hätte. Dieser schon etwas in die Jahre gekommene Mann ließ sich abschließend zu einer neckischen Beleidigung hinreißen, die ich humorvoll abwehrte, weil ich zu dieser Stunde keine Lust mehr hatte, irgendwelche Köpfe zu spalten. Der Mann kicherte und trank seinen Wein wie ein rotbäckiges Mädchen mit verbogenen Füßen in engen Schühchen. Irgendwie so, meine Erinnerungen sind trübe und lustlos rekonstruiert.

Zum Ende hin, als seichter Applaus gespendet wurde, fielen meine falschen Ohren, der angeklebte Bart, die Wimpern und meine dritten Zähne aus der Visage, sodass meine Tarnung aufgeflog.
    «Aber das ist doch …»
Lustig, wie die Menschen plötzlich ihre Körper aufrichteten, milde lächelten und der Hass aus den Gesichtern verschwand. Man musste sich ja nun benehmen und einigermaßen höflich sein, auch wenn man mir vielleicht ins Gesicht gebrühlt hätte, wie unfassbar schlecht das doch gerade alles war!
An der Bar wurden sie nervös, es waren die Betreiber der Veranstaltung. Wohl unüblich und streng verboten ist hier das Vortragen von eigenen Texten. Wie ist denn das mit der Eigenwerbung, murmelte jemand kritisch; klar, für die Murmel war das eine abgekarterte Sache, eine billige PR-Nummer! Denn nichts ist widerwärtiger als wenn ein mittelmäßiger Schundautor versucht, mit einer schmierigen Aktion ein paar Exemplare seines Werkes loszuwerden! Dabei war ich unschuldig und hatte wirklich nichts damit zu tun, dass ausgerechnet dieses meine Machwerk vorgetragen wurde. Ich sebst ahne voller Angst, dass mir dieses Buch eines Tages noch zum schweren Verhängnis werden könnte und würde es niemals freiwillig in der Öffentlichkeit rezitieren.

In der Pause, als sich alle wieder beruhigt hatten, wies mich an der Bar eine Anwesende auf ihren eigenen Roman hin, der fertig in der Schublade läge. Den hätte sie aber nicht veröffentlicht. Es klang wie ein Vorwurf. Wie konnte ich nur?


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