In der Kampfzone

—23.07.2010

Inzwischen habe ich vergessen, welche Umstände mich herführten. Zufall, Schicksal, ein kräftiger Windstoß: Alles ist möglich. Jetzt stehe ich also hier, stehe zwischen Regalen, zwischen der Fachliteratur, und tue so, als interessiere ich mich für all das: für Mechanik, für Physik, für Biologie. Und auch wenn da sonst eine Begierde nach schriftlichen Informationen wäre: Mein einziges Interesse gilt in diesem Augenblick einem Gesicht, einem Körper; gilt langen braunen Haaren, die an einem eleganten Rücken herabfallen. Und eigentlich schaue ich nur zu ihr rüber; beobachte, wie sie auf einer Art Hocker sitzt und arbeitet, wie sie da irgendwas in den Computer tippt. Es sind wohl solche Momente, in denen ich mir wünschte, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Jetzt aber bin ich ein Kunde, ein Konsument, ein Fremder und stehe gewissermaßen vor den Büchern. Und natürlich will ich nicht nur irgendeiner sein, einer von hunderten. Ich will, dass ihr Lächeln ernst gemeint ist, dass es nur mir gilt. Ich muss sie ansprechen, jetzt sofort! Charles Darwin schaut mich von den Buchtiteln an. Survival of the fittest.

Und plötzlich, völlig unerwartet, taucht diese bezaubernde Person am Regalende auf. (Wie viel Zeit war vergangen?) Ich erschrecke fast – damit habe ich nicht gerechnet! Und alles, was eben noch in meinem Kopf war – all die Ideen und Pläne und vorgefertigten Sätze – sind weg. Verschwunden, verbrannt, entfallen. Ich bin auf mich alleine gestellt, mein Gehirn hat sich verabschiedet. Jetzt sieh mal zu!
    «Kann ich Ihnen helfen?», fragt sie. Sie siezt mich. Für sie bin ich irgendein Kunde, der wahrscheinlich seit Stunden vor demselben Regal steht und sich erstaunlich gründlich für die Evolution zu interessieren scheint.
    «Ich suche nur was zu lesen», sage ich. Eine äußerst originelle Erklärung, wenn man bedenkt, dass ich mich in einem Buchladen befinde, wo die meisten Kunden ihr Auto volltanken oder Hamburger erwerben. «Eins habe ich schon», sage ich noch und halte tatsächlich ein Buch hoch; kann mich mal bitte jemand stoppen?
    «Okay», sagt sie; vielleicht aber auch etwas anderes, vielleicht gar nichts. Sie geht weiter, geht wieder zu ihrem Computer und tippt irgendwas hinein. Sie arbeitet und das ist hier keine Bar, in der sie dauerhaft angebaggert wird – das ist ein Buchladen und sie arbeitet in der Fachbuchabteilung; Soziologie, Medizin, Politik, Kulturwissenschaft. Und hier ist was schief gelaufen, so sollte das nicht laufen.
Ich will ihr hinterher, so kann ich das nicht enden lassen! Zaghaft mache ich mich auf den Weg zu ihr und gebe meine Deckung auf. Doch genau in diesem Moment taucht von rechts ein dürrer Mann auf. Halbglatze, graue Haare, Brille auf der großen Nase. Er hat eine Frage, er will zu ihr. Sie lächelt auch schon. Dieser Mann interessiert sich wirklich für all die dicken Wälzer, für all die Quanten und Theorien und ganz besonders für Täterbiografien.
    «Sagen Sie: Haben Sie auch die Himmler-Biografie von Peter Longerich?», fragt der alte Herr und schiebt sich die eckige Brille zurecht. «Die Biografie über Heinrich Himmler – haben Sie die?»
Ein zweiter Mann taucht auf, auch er hat eine Frage und schon einen Zettel in der Hand. Es passiert nun alles sehr schnell: Ein dritter Greis rempelt mich an, ein vierter niest, ein fünfer zupft sich den Schnauzbart ordentlich. Und sie alle stehen an, sie alle haben eine Frage, wollen zu ihr, wollen ein bisschen Aufmerksamkeit. Auch der sechste und siebte Mann, der achte, der neunte, der zehnte. Wie stöhnende Zombies. Hustend, etwas streng riechend. Es ist eine Horde, es wird gefährlich. Hunderte Glatzen, so viel Fleisch.
    Ich muss mich geschlagen geben; für den Moment jedenfalls.

    To be continued …


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