Fremdkörper
Sie fuhr. Und klar traf sie keine Schuld. Nicht unbedingt. Jedenfalls stand der Motorblock plötzlich in Flammen und ihr Geschrei riss mich aus einem seichten Schlaf vom Beifahrersitz. Ein jähes Ende, so völlig unerwartet und plötzlich. Bedrohlicher Qualm quoll unter der Motorhaube hervor und dann war es still. Wir waren auf einem Seitenstreifen im Nirgendwo gestrandet, unzählige Autos donnerten an uns vorbei, die ersten Tropfen fielen.
Die Autovermietung empfahl, den Wagen abschleppen zu lassen. Man würde uns ein Ersatzfahrzeug organisieren, wohl schon übermorgen, spätestens aber am Ende der Woche. Es war Montagabend als das alles passierte.
Wir mussten nun alles zu Fuß erledigen und der Himmel sah noch immer nach Regen aus. Wir beschlossen, schneller zu gehen, um nicht nass zu werden. Fünf Minuten später rannten wir und wurden nass.
Als ich die Tür unseres Motelzimmers aufschloss, zuckten die ersten Blitze durch die Wolken. Lange Fäden aus Wasser fielen vom Himmel, klatschten auf den Boden. Das Grollen des Donners wurde lauter und bedrohlicher. Tür zu, ich legte mich lachend aufs Doppelbett.
«Du bist doch klitschnass!», motzte Katy.
«Na und», sagte ich und schaltete den winzigen Fernseher ein, er knisterte und flimmerte, ein Bild tauchte auf, dazu lärmender Krach, denn es lief gerade Werbung.
«Ich geh duschen», sagte sie schnell.
«Warum? Bist doch schon nass!»
Katy rechtfertigte sich nicht und verschwand hinter der Badezimmertür. Ich wartete einige Minuten, wollte zu ihr ins warme Nass springen, sie lieben und alles, blieb aber liegen, weil der Film begann.
«Beeil dich, Schindlers Liste läuft!», rief ich ihr zu.
Katy öffnete die Tür und steckte ihren Kopf ins Zimmer. Wassertropfen liefen ihr die Haut entlang, ihre braunen schulterlangen Haare klebten an ihrem Kopf und Hals. Ihr Gesicht steckte zwischen Tür und Angel und ihre braunen Augen schauten mich an.
«Hast du was gesagt?»
«Schindlers Liste», ich zeigte etwas dümmlich auf den Fernseher. Sie stöhnte genervt, nuschelte irgendwas und verschwand wieder; ich hörte den kreischenden Fön. Nicht viel später stand ich auf, um pinkeln zu gehen. Katy stand am Waschbecken und rupfte sich die Härchen aus dem Gesicht.
«Kannst du mal bitte rausgehen?», fragte ich einem plötzlichen Bedürfnis nach Privatsphäre nachgebend.
«Mach ruhig, stört mich nicht», behauptete sie, während sie angestrengt und konzentriert im Spiegel ihr Gesicht studierte. «Aber im Sitzen!»
Wir saßen beide auf dem Bett, als ich Durst bekam. Ich stand auf, öffnete den kleinen Kühlschrank unter dem Fernseher. Im Inneren blieb es dunkel, die kleine Birne leuchtete nicht, Finsternis, kaputt.
«Pisswarm», sagte ich, als ich an der Bierdose nippte. Ich nahm einen weiteren größeren Schluck. Das Bier hatte ich aus dem Autowrack gerettet, ehe es abgeschleppt wurde. Katy schaute den Film. Eine Minute verstrich. Ich sah auf den Radiowecker auf dem Nachttisch, stand auf und verkündete meinen Plan: «Ich geh uns mal kaltes Bier holen!» Ich glitt mit meinen nackten Füßen in die noch feuchten Badelatschen.
«Was, jetzt noch?»
«Klar!»
Ich ging raus, es regnete nicht mehr. Ich traf die Frau aus dem Nebenzimmer, deren Daumen wie große Fußzehen aussahen; sie wirkten wie zwei Fremdkörper. Hatte man ihr die Zehen amputiert und an die Hände genäht? Ob sie ihre Daumen voll einsetzen konnte, im Alltag? Ich grüßte und fragte sie, ob sie vielleicht kaltes Bier für uns hätte. Sie sagte etwas, das ich nicht verstand, sie drehte sich um und ich folgte ihr. Wir standen in ihrem düsteren Zimmer, das sie offensichtlich schon länger bewohnte. Eine furchtbare Unordnung erstreckte sich in den kleinen Raum, es müffelte nach alten Bananenschalen. Überall verstreut lagen Bücher, vergilbte Zeitschriften, leere Flaschen, Pullover, Hosen und so weiter. Irgendwo hinten dudelte Elvis Presley. Sie öffnete den kleinen Kühlschrank, sah hinein und schaute mich an: Kein Bier.
«Nur 7UP.»
Ich verabschiedete mich und wollte gehen, als sie mich an der Schulter packte. Ich drehte mich zu ihr um, schaute in ihr sonnengebräuntes Gesicht und sah in ihre glanzlosen gelblichen Augäpfel.
«Hab Pornos da», sagte sie und nahm von einem Stapel eine unbeschriftete Videokassette und hielt sie mir hin.
«Ich glaube, wir haben gar keinen Videorecorder, aber danke.»
«Ich hab auch DVDs!»
«Meine Frau liegt auch nebenan und -»
«Kann ja mitgucken», sagte sie. Ich schaute auf ihre Hände, auf diese grotesken dicken kurzen Daumen.
«Einen schönen Abend noch», wünschte ich, als ich von außen ihre Tür schloss. Schnell ging ich in Richtung Parkplatz, schaute zurück, um zu sehen, ob sie mir folgte. Doch da war niemand. Ich sah einen Eiswürfel-Automaten und schob zwei Quarter hinein, die Maschine schluckte mein Geld, nichts passierte, die Maschine schwieg: Keine Eiswürfel.
An der Rezeption grinste der Mann mit der Zahnlücke nur und sagte, ich habe Pech gehabt.
«Und mein Geld im Automat?»
«Ist nicht unser Automat, wir vermieten nur den Stellplatz.»
«Na fein! Dann reparieren Sie wenigstens unseren Kühlschrank!»
«Vor Donnerstag ist das unmöglich.»
Ich saß wieder auf dem Bett, auf der weichen durchgelegenen Matratze neben meiner Frau und trank das warme Bier.
«Das ist doch Scheiße», sagte ich und stand wieder auf, verließ viel zu schnell das Zimmer und ging die Straße entlang. Irgendwo hier muss ein Supermarkt sein, dachte ich, und es begann wieder zu nieseln. Eine halbe Stunde verging, ehe der Ort der Verheißung auftauchte.
Weißes kühles Licht. Ein feines Surren und die unaufdringliche Musik, die leise von der Decke dudelte. Ein paar Jugendliche alberten zwischen den Chipstüten herum. Ich griff das billigste Bier aus dem Kühlregal und ging zur Kasse.
«Sechs Dollar neunzehn», forderte der dürre Kassierer. An seinem Kinn kräuselten sich zaghaft einige Barthaare.
Ich griff an meine Gesäßtasche und wurde wütend – denn da war nichts.
Auf dem Nachttisch lag mein Portemonnaie, auf der Mattscheibe lief der Abspann. Ich kam mit leeren Händen und völlig durchnässt zurück.
«Die komische Frau von nebenan hat uns eben eine DVD vorbeigebracht», informierte mich Katy. «Und zwei Dosen 7UP.»
Verfaulte Bananen, leere Flaschen, fleckige Pullover. Füße, die kalte Dosen umklammern.
«Sehr freundlich», sagte ich ironisch und betrachtete die Hülle der DVD. Fickende Menschen aus den 80ern, nacktes Fleisch und einfach zu viele männliche Geschlechtsteile. «Das ist wirklich sehr freundlich.»
Ich setzte mich neben Katy und wir tranken unser 7UP. Besoffen wird man davon natürlich nicht, aber der Durst ließ sich befriedigen. Katy schaute mich an und lächelte; wir stellten unsere Dosen zur Seite, küssten uns und ließen uns auf die krumme Matratze fallen. Und während wir miteinander schliefen, musste ich plötzlich an die Frau nebenan denken, an ihre kurzen dicken Daumen. Sie würde alleine auf ihren Pullovern hocken und die Wand anstarren, Elivs hören. Ich dachte an die Zahnlücke des Rezeptionisten, an den dürren Kassierer mit seinen Barthaaren – an all die Insassen dieses seltsamen Panoptikums.
Katy stöhnte laut. Sie musste uns nebenan hören; wie wir unseren eigenen Porno lebten, während sie bis in alle Ewigkeit in ihrer düsteren Höhle sitzen würde.