Formular 3b

—20.06.2010

Auf die Frage nach dem persönlichen Befinden verweisen viele Befragte auf den ganzen Stress, den sie haben. So viel zu tun und die ganze Arbeit und der Papierkram erst! Generell nämlich müssen ständig Formulare angefordert und unterzeichnet und irgendwo fristgerecht abgegeben werden. Umständliche Bürokratie und ganz merkwürdige Öffnungszeiten. So musste ich neulich zur Bank fahren, um von meinem Sparbuch Geld auf mein Girokonto zu kriegen. Online ist das natürlich nicht möglich. Für diesen höchst komplexen Vorgang war es nötig, in der Bank gleich zwei Formulare auszufüllen. Ich musste u.a. meine Kontonummer drauf schreiben, obwohl die Banktante jene einige Augenblicke später meinem roten Sparbuch entnahm. Umstand und Zeitraub, nur um ein paar Hundert Euro zu verschieben!
Andererseits darf man sich als Kunde wohl glücklich schätzen, wird man doch von einem Menschen bedient, in meinem Fall von einer blonden jungen Frau in meinem Alter, deren Blutadern durch die Stirn zu sehen waren. Ich stand da vor ihr und faselte wie eine alte redselige Oma daher, erzählte von den verdammten Studiengebühren, die ich ja nun überweisen müsste. (Resignierender Tonfall.) Das interessierte natürlich niemanden, auch wenn wir uns alle einig waren, dass diese Gebühren totaler Dreck sind. Derweil verzweifelte ein alter Mann am Geldautomaten. Er brüllte sogar (der Mann), aber die Banktante ignorierte das lieber, sie war ja auch damit beschäftigt, ein paar Hundert Euro von einem aufs andere Konto zu bewegen, was mit vielen Eingaben in die EDV verbunden war. Sie hackte den Kram in die Tastatur, während dieser alte Mann weinend zusammenbrach und flennte. Niemand hatte Mitleid, denn alte Menschen sind komisch.

Ich war tagelang der Ansicht gewesen, dass es sich um höchste Zeit handeln würde, die Studiengebühren zu überweisen. Ich fand allerdings den Gedanken, exmartrikuliert zu werden, höchst anregend, würde ich mich doch auch mit dem sinnlosen Dasein eines umherirrenden Vagabunden zufrieden geben. Meinen Lebensunterhalt würde ich mit dem Schreiben von sehr guten Vampirromanen verdienen. Oder ich würde betteln. So wie der Bettler in der Innenstadt: Er hat nur einen Arm. Ich gestehe, dass mich der Anblick dieses Krüppels beizeiten anwidert.
    «Warum das denn, der kann doch nix dafür!»
    «Meistens habe ich mein zweites Frühstück noch nicht eingenommen, wenn ich am Bahnhof diesen armen Menschen sehe. Die Armut in Verbindung mit der körperlichen Versehrtheit schlagen mir eben auf den leeren Magen.»
    «Armer Mensch …»
    «…»
Er tut mir kein bisschen leid. Ich bin aber auch ein Homunculus, wir haben keine Gefühle und weinen können wir auch nicht usw.
    «Ein Homunculus braucht aber auch kein zweites Frühstück!»
Jedenfalls hatte ich mich geirrt, denn die Studiengebühren müssen erst im nächsten Monat bei der Universität eintreffen. Selbstverständlich warte ich solange mit der Überweisung, möchte ich doch den Eindruck vermeiden, ich würde gerne die insgesamt 780 Euro bezahlen.


Kommentieren:

← Name

← E-Mail

← Webseite