An Deck sind noch Stühle frei

—27.06.2010

Ich hatte es mir gönnen können, mich inkognito in eine Lesung meines eigenen Schundromans zu schleichen, um so unbeeinflusste Reaktionen auf den Text zu studieren. Mit falschem Bart und Wimpern sowie angeklebten Ohren ließ ich mich unerkannt in ein speckiges Sofa fallen und lauschte folgend meinen Worten aus einem fremdem Mund kommend; es waren Sätze, die mir selbst nur noch flüchtig bekannt vorkamen, weil ich selbst den (sehr komplexen) Inhalt des Buches inzwischen vollständig verdrängt hatte.
Die Menschen hörten zu, ich schaute in skeptische Mienen. Hier und da immerhin ein mildes Grinsen, gebogene Mundwinkel. Dann verhaltene Skepsis (und leichte Abscheu), als die Wörter Sperma, Schamhaare und Ficken durch den Raum waberten; ich selbst war überrascht, ob der höchst vulgären Vokabeln, fand die Sätze aber lustig. Ich betäubte mich mit billigem Bier und hätte hemmungslos losgelacht, wenn ich mich nicht zurückgehalten hätte. Ich wäre der einzige Lachende gewesen, auf den meisten Gesichtern der Anwesenden stellten sich schnell fast schon entgeisterte Mienen ein, es herrschte grobes Unverständnis, Ablehnung, blanker Hass. (Ich übertreibe; begeistert war man innerhalb der Zuhörerschaft aber nicht gerade.) Neben mir saß einer, der wohl am liebsten das Bundesamt für Schundmedien alamiert hätte, das mich in Handschellen und mit festen Magenschlägen abgeführt hätte. Dieser schon etwas in die Jahre gekommene Mann ließ sich abschließend zu einer neckischen Beleidigung hinreißen, die ich humorvoll abwehrte, weil ich zu dieser Stunde keine Lust mehr hatte, irgendwelche Köpfe zu spalten. Der Mann kicherte und trank seinen Wein wie ein rotbäckiges Mädchen mit verbogenen Füßen in engen Schühchen. Irgendwie so, meine Erinnerungen sind trübe und lustlos rekonstruiert.

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Formular 3b

—20.06.2010

Auf die Frage nach dem persönlichen Befinden verweisen viele Befragte auf den ganzen Stress, den sie haben. So viel zu tun und die ganze Arbeit und der Papierkram erst! Generell nämlich müssen ständig Formulare angefordert und unterzeichnet und irgendwo fristgerecht abgegeben werden. Umständliche Bürokratie und ganz merkwürdige Öffnungszeiten. So musste ich neulich zur Bank fahren, um von meinem Sparbuch Geld auf mein Girokonto zu kriegen. Online ist das natürlich nicht möglich. Für diesen höchst komplexen Vorgang war es nötig, in der Bank gleich zwei Formulare auszufüllen. Ich musste u.a. meine Kontonummer drauf schreiben, obwohl die Banktante jene einige Augenblicke später meinem roten Sparbuch entnahm. Umstand und Zeitraub, nur um ein paar Hundert Euro zu verschieben!
Andererseits darf man sich als Kunde wohl glücklich schätzen, wird man doch von einem Menschen bedient, in meinem Fall von einer blonden jungen Frau in meinem Alter, deren Blutadern durch die Stirn zu sehen waren. Ich stand da vor ihr und faselte wie eine alte redselige Oma daher, erzählte von den verdammten Studiengebühren, die ich ja nun überweisen müsste. (Resignierender Tonfall.) Das interessierte natürlich niemanden, auch wenn wir uns alle einig waren, dass diese Gebühren totaler Dreck sind. Derweil verzweifelte ein alter Mann am Geldautomaten. Er brüllte sogar (der Mann), aber die Banktante ignorierte das lieber, sie war ja auch damit beschäftigt, ein paar Hundert Euro von einem aufs andere Konto zu bewegen, was mit vielen Eingaben in die EDV verbunden war. Sie hackte den Kram in die Tastatur, während dieser alte Mann weinend zusammenbrach und flennte. Niemand hatte Mitleid, denn alte Menschen sind komisch.

Ich war tagelang der Ansicht gewesen, dass es sich um höchste Zeit handeln würde, die Studiengebühren zu überweisen. Ich fand allerdings den Gedanken, exmartrikuliert zu werden, höchst anregend, würde ich mich doch auch mit dem sinnlosen Dasein eines umherirrenden Vagabunden zufrieden geben. Meinen Lebensunterhalt würde ich mit dem Schreiben von sehr guten Vampirromanen verdienen. Oder ich würde betteln. So wie der Bettler in der Innenstadt: Er hat nur einen Arm. Ich gestehe, dass mich der Anblick dieses Krüppels beizeiten anwidert.
    «Warum das denn, der kann doch nix dafür!»
    «Meistens habe ich mein zweites Frühstück noch nicht eingenommen, wenn ich am Bahnhof diesen armen Menschen sehe. Die Armut in Verbindung mit der körperlichen Versehrtheit schlagen mir eben auf den leeren Magen.»
    «Armer Mensch …»
    «…»
Er tut mir kein bisschen leid. Ich bin aber auch ein Homunculus, wir haben keine Gefühle und weinen können wir auch nicht usw.
    «Ein Homunculus braucht aber auch kein zweites Frühstück!»
Jedenfalls hatte ich mich geirrt, denn die Studiengebühren müssen erst im nächsten Monat bei der Universität eintreffen. Selbstverständlich warte ich solange mit der Überweisung, möchte ich doch den Eindruck vermeiden, ich würde gerne die insgesamt 780 Euro bezahlen.

Begegnung in unterirdischen Höllenströmen

—14.06.2010

Das aggressive Türklingeln durch den Postboten riss mich erst aus dem Schlaf und dann aus dem Bett. Es war früh am Morgen, es muss etwa halb elf gewesen sein. Da ich schon mal wach war, trank ich Kaffee, las Zeitung und wurde allmählich wach. Erinnerungen tauten auf und ich wurde mir meiner eigenen Identität bewusst. Wie bei einem wirklich alten Computer wurden Daten in meinem verstaubten Arbeitsspeicher geschaufelt. Es war dann elf, als ich duschte und gegen 14 Uhr fand ich mich im urbanen Untergrund wieder und stieg in die Untergrundbahn. Dort sah ich sofort N. stehen, die gelangweilt (und leicht angeekelt) versuchte, Augenkontakt mit Fremden zu vermeiden. Ich schaute N. ins Gesicht, in die großen braunen Augen; sie ist schön, verdammt attraktiv. Es war einmal, als ich mich durchaus in N. verguckt hatte (hier untertreibe ich maßlos), doch sie wollte nicht mal ins Kino mit mir. Damals, vor einer ganzen Weile, vor fast schon zehn Jahren; eine Menge an Minuten, Stunden, Momenten. Und nun stehen wir hier in der U-Bahn und reden nicht mal miteinander. Ich gehe an ihr vorbei und setze mich. Sie guckt weiter an die Decke. N. ist so eine, die mit glitzernder Handtasche zur Uni trippelt; eine, die behangen ist mit geschmacklosem Schmuck, mit goldenem Geklimper.

Ich hatte sie mal bei IKEA getroffen, das mag inzwischen auch schon ein Jahr her sein. Ich hatte gute Laune und sprach sie an, was ich sofort bereute, als sie nicht mal stehen bleiben wollte. In diesem Moment kam mir das Schicksal in Form einer dicken gelben Frau zur Hilfe. N. rannte gegen diese wohlbeleibte IKEA-Mitarbeiterin, die ins Koma fiel und später verstarb. Ich nutzte die Gelegenheit und stellte mich schnell vor (hatte ich doch den Eindruck, N. würde gar nicht wissen, wer sie da überhaupt anquatschte) und fragte zwei, drei Fragen, die N. im Aufstehen beantwortete. Ich machte mir Notizen: Sie studierte Jura und sei erfolgreich bei dem, was Juristen eben so machen. (Koksen?) Sie zupfte sich den Busen zurecht und rannte davon.
    «Aber N. – bist du denn bei Facebook? Hast du E-Mail? Fax?», schrie ich noch, aber es war zu spät, sie verschwand zwischen den Poängs, Ivars und Billy-Regalen. (Ich klaute aus Frust alle IKEA-Bleistifte, mit denen ich noch heute diese Zeilen schreibe.)

Sie stieg irgendwann aus der Bahn, schaute ganz kurz zu mir rüber und war dann weg. Vielleicht werde ich mal in einem Rechtsprozess auf N. stoßen, ich mit meinem Anwalt, der so gut ist, weil er die Chewbacca-Verteidigung kennt: «If Chewbacca lives on Endor, you must acquit! The defense rests.»
    Einspruch, Euer Ehren!
    Abgelehnt.

Beizeiten applaudieren sie

—09.06.2010

    «Im Wald kam mir ein alter Greis entgegen und ich dachte: Der ist hier noch ’45 durchs Gestrüpp und hat gekämpft und ich jogge hier aus Spaß über das ehemalige Schlachtfeld!»
    «Eigenartige Gedanken, die du dir da machst. Hör doch lieber Musik beim Laufen.»
    «Die bringt mich nur aus den Rythmus! Ich möchte nun aber von meinem letzten Buchladenbesuch berichten, denn auch hier kam es zu einer unangenehmen Begegnung mit dem Alter und einem Greis. Denn Männer werden im Alter nicht selten ziemlich wunderlich. Sie tragen rote Hosen und geistern durch Buchläden, halbtot, verwesend und nicht mehr ganz auf dieser Welt weilend. Mit einem Bein im Grab, im Jenseits, bei diesem Gott. Zurückhaltung und Manieren wurden längst aufgegeben. Manchmal läuft hier und da was raus (Blut und Pipi, Benzin und Öl), da ist schon längst nicht mehr alles nicht.
    Laut furzend steht dieser alte Mann vor den Büchern (Hitler, Himmler, Nazis, Nazis, Nazis). Ein langer feuchter Furz strömt aus seinem Darm. Danach herrscht Totenstille. Die Menschen verbleiben starr, werden teilweise zu Salzsäulen oder sterben vor Ekel; nur hinten lachen sie leise. Flugs stoben sie alle davon, Panik bricht aus, nur weg von dem alten Mann in roten Hosen, der natürlich so tut, als sei nichts gewesen. Der Buchladen wird versiegelt und demnächst gesprengt. Werde nun komplett auf Amazon umsteigen müssen.»
    «Aha. Aber es gibt auch komische Frauen!»
    «Ach!»
    «Pass auf: Draußen steht so eine [Frau] rum, sie trägt eine graue Jacke, dabei ist es ziemlich heiß. Sie schaut mich an. Nicht die Jacke, sondern die junge Frau darin. Ihre Augen weisen keine Besonderheiten auf. Es sind zwei, sie stecken in den Augenhöhlen in einem Kopf, der auf einem kleinen Körper sitzt. Was will die nur? Sie kommt näher. Ob ich mal kurz Zeit hätte. Ich wende ein, dass ich Hunger hätte. Ist auch nur kurz! Worum geht es denn? Sie erzählt von einem Projekt. Jugendliche würden Zeitschriften verteilen (oder so was). Ach das, sage ich, nö, behaupte ich, das interessiert mich nicht. Ich lese auch nur noch Bücher, die ich bei Amazon kaufe. Sie fragt: Warum denn nicht? Ziemlich hartnäckig. Sie würden diese Jugendliche testen und ich würde doch immerhin kostenlos irgendeine Zeitschrift erhalten. Aha, denke ich, aber wo ist eigentlich dein Klemmbrett, junge Frau? Willst du dir etwa merken, wo ich wohne und welche Zeitschrift ich gern hätte? Ich stelle sie zur Rede und sie behauptet, sie sei inselbegabt und habe ein unglaubliches Adressengedächtnis! Ich würde staunen, wessen Anschrift sie in ihrem Kopf gespeichert habe. Mir wird das nun aber doch zu viel und mein Magen knurrt auch schon, also sage ich, dass ich keine Jugendlichen testen möchte und sowieso genug zu lesen habe. Abschließend wünsche ich diesem Mädchen noch: Viel Spaß! Es ist die einzige Floskel, die ich beherrsche und so ziemlich immer anwende: Ich muss nun ein Dutzend verbrannte und verstümmelte Leichen identifizieren. – Viel Spaß! Ich muss in die düsteren Säureminen, arbeiten. – Viel Spaß! Ich muss mir mal was Neues einfallen lassen, mir eine zweite Floskel beibringen.»
    «Mein herzliches Beileid, schön dich zu sehen, ich hoffe, du hattest einen schönen Tag, schönes Wochenende, eine gute Reise, viel Erfolg!»
    «Später komme ich vom Essen wieder und sehe dieses Jackenmädchen immer noch in der prallen Sonne stehen. Dann geht sie in Flammen auf. Wie so ein Vampir.»
    «Edward.»
    «Hör mir auf!»