Weißer Bastard

—28.04.2010

Warum ich Busfahrten so leidenschaftlich hasse – eine mehrteilige Serie in loser Reihenfolge.
Ich schaue auf die Uhr, Scheiße, schon wieder zu spät. Schuhe suchen, Schlüssel anziehen, oder irgendwie so, schnell raus, in die gleißende Sonne. Sonnenbrille auf, zur Straße. Omas auf Fahrrädern kommen mir entgegen. Ein Opa in sehr kurzen Shorts. Warum so kurz? Die Haltestelle nicht mehr weit, in einer Minute sollte der Bus kommen. Dann fährt er an mir vorbei. Eine Minute zu früh. Der fette weiße Bastard blinkt, fährt rechts in die Bucht und wartet. Vorne geht vielleicht die Tür auf. Niemand steigt ein, niemand steigt aus. Laufend komme ich näher und näher, noch zehn Sekunden, wenige Meter. Und als ich am Heck des großen Biests ankomme, fährt der los, ich glaube es nicht, aber tatsächlich: der Bastard fährt links raus, zurück auf die Hauptstraße, zurück in den fließenden Verkehr. Ich glotze hinterher und recke meine Hand, gebe den Mittelfinger, fluchend. Fick! Dich! In meinem Ohr hämmert Metallica. Ich gucke auf die Uhr, der Bus sollte in 30 Sekunden eintreffen, eher viel später, der kommt nie pünktlich und niemals (niemals!) zu früh! Der weiße Bastard verschwindet am Horizont, ich gehe wieder nach Hause, wieder vorbei an Müllmännern, vorbei an Opas mit zu kurzen Shorts.

Der nächste Bus kommt, dieses Mal gelingt mir das Entern. Hinten ist noch was frei, da hockt ein schwitziger Typ mit Halbglatze und hässlichem Pullover. Das ist so einer, dem man zutraut, dass er in seinem Keller die Verwandtschaft gefangen hält und zahlreiche Kinder und abgehackte Köpfe in der Gefriertruhe lagert. In solchen Momenten bin Misanthrop und sehne mich umso stärker nach weiblicher Gesellschaft, aber hier ist nun dieser wirklich alte Mann, der mit einem Klemmbrett durch den Bus fliegt und Telefonnummern sammelt. Dieser Mann war Veteran in allen großen Schlachten der frühen Neuzeit, hat Hitler noch persönlich gekannt, Hitler und Napoleon und Jesus, so alt ist dieser arme Rentner, der sich sein Zubrot verdient, indem er die Fahrgäste nach Nummern fragt. Ich kenne die schnelle Lösung, weiß, wie ich den abwimmeln kann: Ich habe keine Festnetznummer, sage ich, und damit habe ich seine Interesse verloren. Dieser alte Mann, sicherlich hat er gedient, wendet sich ab, er will keine Handynummern, die seien zu kompliziert für das Vorhaben. Er meint «zu teuer», denn die Busbetreiber rufen an und wollen Meinungen hören.
    Scheiße, ich bin doch kurz davor, meine Nummer zu sagen, um dem verdammten Busfahrer von vorhin ans Messer zu liefern!
    Erst mal einen Kaffee trinken, das hilft.

«Ich muss weg!»

—28.04.2010

Es geht darum, Ergebnisse zu präsentieren, ich denke natürlich: Ich mach das nicht, ne, garantiert nicht! Ich bin ja auch schlecht (also gar nicht) vorbereitet und wir sollen jetzt hier diskutieren und dann jemanden schicken, der den anderen, dem Plenum, mal sagt, was so aus unseren Köpfen und Mündern geflossen kam. Bei mir kommt da nix, keine Chance. Hingegen dieser lustige schwarzhaarige Typ, dieses bebrillte Männchen: Dem fließt da schon eine gewaltige Menge an Unsinn aus der Gusche und dann schmeißt er uns, den Faulen, allen Ernstes einen Packen Papier hin und nölt: «Jetzt lest das erst mal!»
Ich denke kurz nach und vergewissere mich noch mal der Situation: Ich, Student. Wir, die Studenten. Alle freiwillig hier, Geld zahlend, aber ohne Zwang. Wir, die mal wieder den Text nicht gelesen haben. Das interessiert aber keinen, ich könnte mich hier zum Nickerchen betten! Nun dieses schwarzhaarige Männchen, das natürlich – wie immer – den Text nicht nur gelesen hat – nein, es kann ihn auswendig vortragen, das Männchen ist der Text! Doch, o nein, es ist ganz müde, sagt es, und es will deshalb gar nichts machen. Es kann aber nicht anders, denn das Männchen – gar nicht so klug – macht dann doch alles, irgendwer kritzelt unsere Ergbnisse auf ein großes Papier.
    «Ich glaube, wir machen das falsch», stelle ich fest.
    «Wir?», fragt das Männchen.
    «Okay: Ihr macht das falsch!»
Nun, das Männchen stellt unsere Ergebnisse vor, nun ja, seine Ergebnisse, während wir einfach mal keinen Fick darauf geben und uns lieber über das Dehnen von Ohrlöchern unterhalten, denn das ist sowieso viel geiler als irgendwas über irgendwas … Das Männchen grinst (wie immer) so wissend und verstörend. Ach, du blödes Männchen, wie ich dich nicht mag, und wie ich all die Dinge, die du uns erzählst wusste, ohne den verdammten Text gelesen zu haben.
Meine Lieblingsgruppe besteht aus Helden, denn niemand dort hat den Text gelesen (oder überhaupt gesehen), aber es gibt kein Erbarmen für die Faulen, für die, die sich durchmauscheln wollen.
    «Die Zeit ist doch um!», versuchen sie es. «Ich muss weg», wird der große Mario Ohoven zitiert. Es hilft da alles nichts und vorne steht nun dieses nette atemberaubende Mädchen und faselt etwas wirr von Dingen, die nicht im Entferntesten so interessant sind wie die Person, die diese Worte in den Raum spricht! Neben mir regt sich allerdings Unmut, es sind verstockte Streberinnen, deren Anführerin der Dozentin am Gesäß herum leckt, darauf wartend, hineinzusteigen, schleim, schleim. Ich verliere meine Selbstbeherrschung und mir entfährt ein Geräusch der Missbilligung. So geht das nicht, da vorne stehen wahre Schlachtenbummler, da vorne stehe quasi ich und hier stören diese unangenehmen ehrgeizigen Personen, die ich verachte. Angepasst und hörig, astreine Schergen in einem bösen Regime, würde ich meinen. Respekt denen, die sich durchmogeln, die mit wenig Aufwand möglichst viel erreichen, die ihre Zeit nicht damit vergeuden, wem auch immer zu gefallen und so ihre Ecken und Kanten opfern. Fuck yeah.

Merkwürdiges Schreibverhalten

—18.04.2010

Ein neues Semester und die Sonne scheint. Ich sitze und warte. Neben mir eine, die sich beim Schreiben grotesk verdreht, ihren Körper verzerrt und mit dem Kopf fast in der Tischplatte hängt. Ganz nah dran mit den trüben Äuglein, fast auf dem karierten Papier. So hat man in der Grundschule geschrieben, denke ich, und hast du da wirklich ein Etui liegen, in dem bunte Stifte liegen, Lineal und Radiergummi und Tintenkiller?
Rechts von mir sehe ich da zwei Linkshänderinnen sitzen. Ich versuche ein Gespräch zu beginnen, aber sie wollen mein Gequassel gar nicht hören, denn sie müssen sich hier über wichtigere Dinge unterhalten, die mich augenblicklich zu Tode langweilen. Ich sterbe also und mein toter Körper liegt am Boden, niemand stört sich daran.
    «Dann musst du ins Prüfungsamt gehen und die Formulare abgeben, aber denk an die Stempel!»

Gedanken zum Sterben

Als ich neulich über den Tod nachdachte, schmiedete ich sogleich den Plan, meine eigene Todesanzeige zu formulieren sowie einen wirklich geilen Grabstein zu entwerfen. Wie der konkret auszusehen hat, weiß ich noch nicht, bin aber erschrocken, was für scheußliche Steine die Friedhöfe der Republik verschandeln. (Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist ein Grabstein eigentlich auch komplett Scheiße, dann lieber eine Pyramide oder einen hohen Turm.) Ausgelöst hatten diese trüben Gedanken der Tod eines ehemaligen Mitschülers[1] (den ich kaum kannte). Ich schämte mich fremd über seine Todesanzeige im hiesigen Lokalblatt: Nein, dachte ich, das kann ich nicht passieren lassen! Wenn ich da zerrissen in den brennenden Überresten eines Busses verblute und lauthals draufgehe, will ich mir in meinen letzten Momenten wenigstens sicher sein, dass die Hinterbliebenen keinen Scheiß in die Zeitung setzen. Werde nun selbst etwas formulieren müssen.

Nun, ich bin gar nicht tot und das Seminar geht weiter. Die neben mir macht sich in ihrem Kalender Notizen, organisiert ihre nächsten Monate. Sie unterstreicht und markiert, benutzt zwei Farben und Ausrufezeichen. Ein bisschen obsessiv ist das schon, wie sie da mit Lineal und Stiften in diesem kleinen Buch hantiert und sich die Tage mit Terminen zukleistert. Fürchterlich, ganz schlimm, wo ist denn da noch Platz für Spontanität? (Ich habe die merkwürdige Angewohnheit, Dinge erst dann in meinen Kalender einzutragen, nachdem sie bereits passiert sind.) Eine Woche später wird sie ein Referat halten müssen und 15 Minuten zu spät erscheinen. Da helfen auch die vielen bunten Ausrufezeichen nichts. (Wobei ich hier nicht den Eindruck erwecken will, ich würde mich am Zu-spät-kommen anderer stören, nein, nun wirklich nicht, ich selber habe arge Probleme damit, meine Termine rechtzeitig wahrzunehmen.)

 
  1. Das stimmt so nicht ganz.

Geruchlos

—15.04.2010

Ich war hocherfreut, als ich im ersten Semester feststellte, dass sie in der Mensa 7UP verkauften. Ich trank es jedes Mal zu meiner Currywurst oder meinem Schnitzel. Einmal auch zum Gulasch. Die Leute, mit denen ich da war, hatten es aus unerfindlichen Gründen oftmal fürchterlich eilig; und wenn ich eines nicht abkann, dann in Eile essen zu müssen. Das ist fürchterlich, ätzend und ungesund. Nur Nazis schlingen ihr Essen runter, nur Nazis sagen: «Beeil dich mal», wenn du gerade beim Mittagessen bist. Was denken die sich eigentlich dabei? Und wenn du Scheißen musst, geh halt einfach!
    «Ach so, du glaubst, die drängeln so, weil sie kacken müssen?»
    «Hm, wenn du mich jetzt so direkt danach fragst, merke ich, was für ein Unsinn das ist. Ich hab aber auch wirklich keine Lust mehr, verständliche Texte zu verfassen.»
    «Für dein Blog?»
    «Ach, ich glaube, ich werde depressiv. Gestern fragte man mich, ob ich 7UP haben wolle. Und ich sagte: Nein!»
    «Wer fragt dich den so was?»
    «Irgendwer vom Personal.»
    «Ach. Schreib doch was über die Sache, die dir im Pub passiert ist!»
Im Pub setze ich mich zu den zwei Mädels, die in meinem Alter (Mitte 20) waren. Sie sahen wie Studentinnen aus (waren sie auch). Ich fragte, ob ich mich dazu setzen dürfe. Ich durfte.
    «Okay, ich weiß nicht, ich bin gerade nicht in der Stimmung, das zu erzählen. Ein anderes Mal vielleicht.»
    «Die waren beide vergeben, oder?»
    «Jaja, fürchterlich, ich könnt kotzen.»

Ich habe dieses Jahr Ostern komplett ignoriert[1]. Nur der Rauchgestank hat mich daran erinnert, dass einmal im Jahr altes Holz in Brand gesetzt wird, was ich als Fan von Feuer allerdings gut finde. Als ich das roch, musste ich an Polen denken. Dort habe ich einmal Urlaub gemacht, es war kalt und grau. Und es roch nach Rauch und Feuer, denn überall verbrannten sie ihre Felder, Gestrüpp oder ihren Müll. Auschwitz wirkte so noch authentischer.
    «Das kannst du nicht schreiben, das ergibt nicht mal Sinn!»
    «Stimmt auch eigentlich gar nicht, in Auschwitz hat es nach nichts gerochen.»
    «Du kannst dich nur nicht erinnern.»
    «Es ist ja auch Jahre her.»
    «Du warst da als Insasse?»
    «Nein, nur zu Besuch.»
    «Wie in Monopoly
    «Wir sind geschmacklos.»
    «Und Auschwitz geruchlos.»
    «…»
    «Eine Zumutung!»

 
  1. Ich plane als nächstes, die kommende Fußball-WM zu ignorieren. Das könnte klappen, habe ich doch vor einem Jahr (oder so) meinen Fernseher abgebaut und in Flammen aufgehen lassen. Seither ist einfach alles besser. (Nein, es wird nicht klappen, ums Public Viewing werde ich nicht rumkommen, der gesellschaftliche Druck ist einfach zu hoch …)

Der Sonne wegen

—02.04.2010

Neulich kam der Fotograf der Lokalzeitung vorbei. Wir [ich und Meyer] saßen in der Sonne und ich trank einen Latte. Das Koffein («farb- und geruchsloser Feststoff») wirkte an diesem Tag besonders stark, ich fühlte mich regelrecht besoffen und nicht ganz bei Sinnen. Wankend nahm ich die Welt um mich herum wahr und hoffte dringlich, abzuheben.
Jedenfalls kam der Fotograf der Lokalzeitung vorbei. Neben uns, am Nebentisch (in der Sonne), saßen zwei Mädchen. Sie sprachen recht gutes Deutsch. Der Mann von der Zeitung sprach die Beiden an: Ob er da nicht mal ein Foto machen könnte. Die sehen ja auch gut aus, jedenfalls die eine von beiden. Ziemlich. Der Fotograf hatte seine Assistentin dabei oder sie war Journalistin. Sie wollte aber gar nicht viel wissen, fragte nach den Namen der beiden Mädchen und nach der Schreibweise.
    «Mit w und zwei y, hinten mit c und über den Vokalen ein Dach und am c so ein Haken.»
Ganz simpel. Die Lokalzeitung macht immer, wenn unerwartet gutes Wetter ist, mit einem Foto auf, das gut gelaunte Menschen zeigt, die irgendwo in der Sonne hocken und Bier trinken oder Blumen essen. Drunter steht dann so was wie: Nancy und Udo genießen die ersten Sonnenstrahlen und wollen später noch einen Hähnchencruncher in der Back Factory kaufen. So in etwa, kann sein, dass das Ding Hühnchencruncher heißt. Oder Chickencruncher. (Kostet 1,99 Euro. Und ich hasse das wirklich, denn jedes Mal stehe ich da einige Sekunden und warte quasi auf meinen einen Cent Rückgeld. Sicherlich[1] ist man gesetzlich verpflichtet, das Rückgeld anzunehmen. Neulich warf ich ein Centstück auf die Straße. Sicherlich höchst illegal.)
Der Fotograf schoss seine Bilder. Zwei Mädchen am Tisch, Bier trinkend. Denn die beiden tranken keinen Kaffee, sondern Bier aus Weizengläsern. Wir befanden uns in einem Café, sollte ich anmerken, und die beiden tranken Bier. Wegen des Wetters, sicherlich, der Sonne wegen, der Hitze geschuldet. Es handelte sich trotz der Gläser allerdings nicht um Weizenbier, das weiß ich, weil ich sah, wie sie das Beck’s aus den Flaschen in die Gläser kippten. Der Mensch hatte seine Fotos und ging samt Assistentin fort. Manchmal ist mein Leben so spannend, dass ich mich regelrecht wundere, noch am Leben zu sein!

 
  1. Dieser kurze Text enthält dreimal das Wort «sicherlich». Folgende Synonyme wären als Alternative möglich gewesen: alle Mal, auf jeden Fall, klar, klarer Fall, ohne Frage, zweifellos, wohl, gewiss, wahrscheinlich, freilich, natürlich, selbstredend, selbstverständlich und sicher.