Dusche, Bad, WC, Fön

—27.02.2010

Auf dem Doppelbett liegt eine grinsende Schönheit und schaut mich an. Ihre Zähne strahlen grotesk; ein grelles falsches Lächeln, das verführen soll. Neben dem Bett steht ein muskulöser Kerl, lächelnd und nackt, mit einem weißen Handtuch um die Lenden; wohl aus der Dusche kommend, ebenfalls obszön attraktiv. Er sieht mich ebenfalls an und ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Werden es die beiden vor meinen Augen treiben, haben sie es schon getrieben, war er tatsächlich alleine duschen und wieso steht er da nackt in diesem Zimmer, neben diesem Bett? Und wo ist das Gepäck?
Auf dem kleinen nebenstehenden Foto sieht man das Badezimmer, den an der Wand angebrachten Fön, der auch in der Beschreibung erwähnt wird: «Dusche, Bad, WC, Fön». Außerdem verspricht der Katalog «eine Minibar und einen Fernseher». Auf dem größten Foto ist eine schmale Straße zu sehen, die sich an düsteren Felsen entlang schlängelt. (Später werde ich wissen, dass diese Straße zu einem Parkplatz führt.) All das ist eingebettet in eine schroffe Landschaft, illuminiert vom Licht der Abendsonne. Das letzte Foto zeigt das «verschlafenen Dorf», in dem sich das kleine Gästehaus befindet; es hat zwölf Zimmer, die Übernachtung kostet achtzig Euro pro Person.
Im Katalog, der vor mir liegt, nennen sie das «atemberaubend schön». Ich löse meinen Blick von den Bildern und schaue nach draußen, dort fallen aus dem grauen Himmel kleine Schneeflocken; sie werden vom kalten feuchten Wind durch die Luft getragen, landen auf dem grauen Asphalt und werden zu Wasser. Im dem großen Schaufenster hängt ein aufblasbares Flugzeug. Uns gegenüber hockt ein junger Mann und starrt abwechselnd auf den Drucker und den Flachbildschirm, dabei kaut er nervös auf den Fingernägeln herum. Fassungslos sitzt er auf seinem drehbaren Schreibtischstuhl, dann überkommt es ihn plötzlich und er schlägt in einem Anfall von Wut auf die Tastatur ein. Die Escape-Taste fliegt durch die Luft und landet auf dem feuchten Teppich. Diese Leidenschaft hätte ich dem jungen Mann gar nicht zugetraut, denke ich, und hebe die Taste auf, gebe sie zurück. Beim Bücken läuft mir fast der Rotz aus der Nase.
    «Das Scheißding sollte jetzt eigentlich drucken!», motzt der Reisekaufmann mit rotem Kopf, er spricht teils mit uns und sich selbst, verhandelt aber eher mit der grauen Maschine, die still auf dem Schreibtisch steht und gar nichts macht. «Komm schon!», fleht er.
Der Wind frischt auf, eine kleine rote LED am Drucker blinkt hektisch.
    «Papierstau?», versuche ich.
    «Das hat er manchmal», erklärt der Mann, der eine Designerbrille auf der Nase trägt, die er alle paar Momente mit dem rechten Zeigefinger zurück an die Nasenwurzel schiebt. An den Wänden hängen eine Weltkarte und einige Poster, die Strände zeigen; lange Strände, Palmen, weißer Sand und kristallklares Wasser.
    «Ach, ein Auto müssen wir auch noch mieten», sagt J— plötzlich.
    «O ja», bestätige ich und krame ein Taschentuch aus der Hosentasche hervor, um mir die Nase zu putzen.
    «Okay, dann muss ich das noch mal alles neu machen und ausdrucken», mosert die Designerbrille, aber das rote Blinken verschwindet nicht und am Ende schickt er uns resigniert nach Hause und ich buche alles online.

    (Wird forgesetzt …)

Hanseatische Nacht

—26.02.2010

    17:01 Uhr.
Ich bin in Hamburg, mit mir unterwegs ist Francis. Wir suchen zuerst eine Apotheke und finden sie einige Minuten später und gehen hinein. Die Apothekerin trägt tatsächlich einen weißen Kittel.
Hier ist es sehr hell, das Licht weiß und steril.
    «Wir brauchen Ohropax», sage ich. Ich benutze den Markennamen. Die Apothekerin greift unter den Tresen und kramt eine 10er-Packung hervor, legt sie uns zur Betrachtung hin und schaut uns erwartungsvoll an; so, als würden wir Drogen kaufen; als würde es sich um etwas Exklusives handeln, etwas sehr teures, das wir hier erwerben. Wir kaufen und bezahlen jeder die Hälfte. Jedem gehören nun fünf Schaumstopf-Pfropfen, hautfarben.
    «Wie wär’s mit einem zweiten Frühstück?», schlage ich vor, als wir wieder auf der Straße sind. «Ich hab nämlich Hunger.»

Wir gehen einige Meter und betreten das H―, ein günstiges Restaurant. Wir werden nett begrüßt und die junge Bedienung legt uns die Speisekarten hin. Wir bestellen Bier und später die Schnitzel mit Pommes (mit kleinem Salat). In der Ecke des Raumes haben es sich einige Hedonisten gemütlich gemacht, angeführt werden sie von einem jungen dürren Typen, dessen Arme weibliche Hälse umschlingen. Er hat sie unter Kontrolle, im Würgegriff, kein Entkommen für die jungen attraktiven Damen, die in der Ecke des Raumes sitzen. Sie wissen sich zu kleiden, sie lachen und trinken. Das Alphatier hat weiße glatte gerade Zähne, ein perfektes Gebiss, eine schöne Zunge.

Alles lesen …

Freiheit

—25.02.2010
Von Zweien, die loszogen, um die USA zu durchqueren. Alles hinter sich lassend und endlich den köstlichen Nektar der grenzenlosen Freiheit kostend.

    ()

Amerika: Sechs Stunden zurück. Wir plünderten den ATM. Über uns der nackte Himmel, tiefschwarz. Vereinzelt Sterne sowie Jupiter und der Halbmond. Unsere Blicke in die Unendlichkeit, das Universum lag über uns und gleichzeitig zu unseren Füßen. Neben mir stand mein zerkratzter Koffer, dessen Rollen eierten und quietschten.
    «Das hier ist dann wohl die grenzenlose Freiheit», mutmaßte ich zu Meyer, der rauchend und nickend neben mir stand und gekonnt Rauchringe in die Dunkelheit blies.
Wir waren unsterblich.
    «Okay.»
Wir waren in Orlando (Florida) gelandet, weil der Flug hierher am billigsten war. Nach einer Taxifahrt, die viel zu lange dauerte, kamen wir am Hotel an. Ich bezahlte den Fahrer. Meyer konnte in den Wirren seines Seesacks angeblich sein Portemonnaie nicht finden. Wir betraten die Lobby und wir hatten Glück, sie hatten ein Zimmer für uns, für die erste Nacht. Hier schliefen Familien, die mit ihren dicken lauten hektischen Blagen tagsüber ins Walt Disney World Resort fuhren. Dieser Gedanke machte mich krank und ließ mich lange wach liegen. Das und Meyers grunzendes Schnarchen.
Am nächsten Morgen riss mich eine sprechsingende Katze aus dem Schlaf. Der Fernseher lief und Meyer saß in Unterhose auf der Bettkante und starrte hinein.
    «Rap Cat[1]», erklärte er.
Ich liebe das amerikanische Programm, das strahlende Grinsen des Moderators, seine grellen weißen Reißzähne, die laute aggressive Werbung.
    «Schön und gut, aber ich wie wär’s mit Frühstück?»
Wir gingen rüber in den düsteren Frühstücksraum; da war alles voll, überall fette Leute und deren Kinder, die wild umher liefen und brüllten. Umgestürzte Tische, Anarchie, weinende Mädchen mit großen runden Brillengläsern.
    «So stelle ich mir die Hölle vor!», sagte ein Unbeteiligter.
Es war eher, als stünden wir am Eingang eines Affengeheges, nur dass niemand mit Kot warf – dafür aber mit Essen.
Wir gingen und frühstückten in einem Supermarkt Donuts und Kaffee.

    (Fortsetzung folgt …)

 
  1. Siehe: hier (Video).

Vorgesorgt

—24.02.2010

Ich war beim allvierjährlichen Beratungsgespräch bei der hiesigen Bank. Der Filialleiter, der mich beraten sollte, war genauso alt wie ich, derselbe Jahrgang. Er saß da vor mir, in Anzug und mit Krawatte um den Hals, während ich in T-Shirt und mit komischer Frisur auf dem Stuhl lungerte. Der Typ hatte es weit gebracht, während ich im dritten Semester bin und keine Ahnung habe, wo ich mal landen werde. Umso surrealistischer kam es mir vor, als wir uns über «Altersvorsorge» und «Rente» unterhielten. Themen, bei denen ich sofort einschlafe, Themen, von denen ich nichts wissen will – lass mich doch in Ruhe mit dem Scheiß! Aber die Vernunft ist hellwach und in meinem Kopf brüllt sie: «Hör dir das an, das ist wichtig, sonst wirst du als lausiger 70jähriger ohne Geld enden, der im Wald leben muss usw.!»

Ich wäre reich, obszön reich, alleine schon, damit die Bank stolz auf mich wäre!

Der Mann von der Bank holte ein Papier hervor und malte es mir auf: Kurzfristig betrachtet, frisst mein Studium all mein Geld auf. Mittelfristig werde ich hoffentlich irgendwann Geld verdienen. Langfristig sitze ich vor meiner kleinen Bude (Immobilie) am Strand, rauche Gras (für die Gesundheit), starre aufs Meer und bewerfe meinen Sohn (Erbe) mit Steinen. Ich wäre reich, obszön reich, alleine schon, damit die Bank stolz auf mich wäre!
Der Mann von der Bank empfahl mir also, dreißig bis fünfzig Euro im Monat anzulegen. Für später, fürs Alter. Der Staat nämlich, orakelte der Mann von der Bank, würde mir bestimmt nichts mehr geben, dann, wenn ich als lausiger 70jähriger im Schaukelstuhl sitze und mich über die modernen Zeiten aufrege. Früher war alles besser, früher, als man noch vor dem Computer sitzen musste, um im Internet zu «surfen».
    «Ach Opa, du bist so herrlich altmodisch.»
Ich verstand und nickte, der Mann von der Bank hat bestimmt recht, aber ich gebe die dreißig bis fünfzig Euro im Monat lieber für Schinkenbaguettes, Fotobücher oder Romane von Hunter S. Thompson aus.
    Ich Idiot.

Montag

—15.02.2010

DUS → JFK

Flug LT1551 von Düsseldorf nach New York. Unten Felder, darüber Wolken, darüber wir in einem Airbus A330; und endlich gibt es hier was zu trinken. Ich werde einen Schnaps Orangensaft nehmen. Ein männlicher Steward bedient, ein anderer Fluggast bestellt Rotwein. Jetzt will ich auch Wein.
Die Stimme aus dem Cockpit verspricht 29 Grad in New York; außerdem werden wir trotz verspätetem Start pünktlich ankommen. (Obwohl das mehr Kerosin verbrauchen wird, aber Scheiß auf die Umwelt, wir haben’s eilig!) Der Wein schmeckt ganz okay.

Vor einigen Stunden, als ich in der S-Bahn saß, fiel ein wirrer Trinker einfach um. Einige Frauen kümmerten sich fast schon hingebungs- und liebevoll um das menschliche Wrack, das auf dem dreckigen Boden lag und fast verstarb. Die Bahn hielt, eine Durchsage folgte – ob vielleicht ein Arzt anwesend sei. Irgendwann tauchten der Notarzt und seine Helfer auf und sie nahmen den Trinker mit, es ging weiter.

Zeigt doch mal einen krachenden Actionfilm! Explosionen, Blut, Feuer. Brennende Triebwerke (von Pratt & Whitney)

Es ist eng und langweilig, die leeren Becher werden abgeholt, es riecht nach warmem Essen – es gibt Nudeln oder Hühnchen. Ich beschließe, zum Nachtisch das Gratis-Bonbon zu lutschen. Als ich mein Essen kriege, gibt es nur noch Nudeln, das Hühnchen ist aus. Wie gemein, das ist nicht fair! Dazu immerhin Zitronenkuchen, Obstsalat, Waldorfsalat – alles in kleinen Portionen.

Draußen ist es unfassbar hell, grelle weiße Wolken, die grelle Tragfläche. Rechts über dem linken Triebwerk (laut Magazin «Travel & Lifestyle» ein Pratt & Whitney PW4168A) sitze ich.
Boardfernsehen: langweilig. Irgeind eine weiche Liebesschmonzette. Zeigt doch mal einen krachenden Actionfilm! Explosionen, Blut, Feuer und brennende Triebwerke (von Pratt & Whitney).
Sie verteile Gratis-Wasserpullen, zumindest an die Herrschaften hinter mir, die Pferdezeitschriftenleser. Auch das zarte Bübchen mit den spitzen Herrenschühchen und der femininen Umhängetasche (womöglich gar nicht seine) bekommt eine Flasche. Als ich endlich eine erhalte, muss ich feststellen, dass es sich um merkwürdiges O2-Wasser handelt. Ich verfolge den Film, lese Zeitung und starre aus dem Fenster in die unendliche weite. Wolken, blauer Himmel, das Weltall, andere Flugzeuge, die neben uns fliegen, uns kreuzen.

Nach der Landung ging das alles überraschend schnell. Keine großen Kontrollen, die Koffer geschnappt und raus. Allerdings hat sich am Taxistand eine arg lange Menschenschlange gebildet.

HH → H

—12.02.2010

Der namenlose Held schildert in dieser kleinen Geschichte, wie und warum er sich den Penthouse kaufte. Zudem wird ein neuer Charakter eingeführt!

Neulich sah ich mich mit einer langen Zugfahrt konfrontiert und hatte keine Musik dabei, kein Buch, keine Zeitung. Als mir das klar wurde, brach ich fast in Tränen aus, ahnte ich doch zudem, dass es eine einsame Fahrt werden würde! Es würde somit die Möglichkeit entfallen, ein tiefes, intimes Gespräch mit einer Fremden zu suchen. Meine Handpuppe, ein gern gesehener Gesprächspartner, war verstorben und Tote sprechen diesen komischen Dialekt, den ich nicht verstehen will. Glücklicherweise war mir das Dings, das Schicksal, hold und ich fand mich im Zeitschriftenladen des Bahnhofs wieder. Ein angenehmer Ort, so viele Druckerzeugnisse, so viel Wissen, so viele bunte Bilder. In meinem Prtoemnnieoe war nicht mehr übrig als ein Fünf-Euro-Schein, die vergangene Nacht war teuer und anstrengend, erotisch, laut, schmutzig und wild. Ich nahm schlussendlich Penthouse zur Hand und kaufte es (4,90). Das Cover überzeugte mich sofort, vom Layout und vom Motiv. Männermagazine sind normalerweise nicht meine Lieblingslektüre, ich interessiere mich weder für Fußball noch für schnelle Autos. Immerhin aber für (nackte) Frauen! Das Beste war aber, dass ein Artikel Hoffnung auf Unsterblichkeit machte. Das ist gut, dann kann ich mich erst mal dem Müßiggang hingeben, hab ja jetzt echt viel Zeit. Hurra!

So, dann saß ich da alleine im Zug und belegte viertausend Plätze, mir gegenüber lag mein hässlicher Schlafsack. Betrunken und zerknautscht. Ich hatte es schnell aufgeben, ihn in ordentlicher (deutscher?) Art und Weise einzurollen, um ihn in seinen engen Sack zu kriegen. Stattdessen stopfte ich wie ein Wahnsinniger den Schlafsack in seinen Sack und das war dann auch genau die richtige Strategie. Wir unterhielten uns die ganze Fahrt über, es war schön und ich lernte viel. Am Ende der Reise teilten wir uns noch ein Taxi. (Ehrlich?!)
Die Menschen standen schon zehn Minuten vor der Ankunft vor den Türen, inzwischen waren es fast acht Leute, die aus den Winkeln und Toiletten des Zuges gekrochen kamen. (Unsinn, ich war doch ganz alleine …)

Dieser Eintrag wurde bezahlt vom Penthouse. Danke sehr.