—28.01.2010
Im Rahmen meiner privaten soziologischen Forschungen, zu denen ich als angehender Politologe teilweise befugt bin, möchte ich meine neuesten Erkenntnisse mit meinen sechs neun (sic) Feed-Abonnenten teilen: Eher hinderlich im sozialen Umgang mit anderen (Menschen) sind Ohrstöpsel und tragbare Musikplayer wie der iPod. Die Kontaktaufnahme zu Fremden (Mädchen) wird erschwert, wenn jene laut Musik hören; besonders natürlich, wenn gleichzeitig und ununterbrochen auf das schön helle Display des iPods gestarrt wird (und sich so dem Augenkontakt mit anderen Individuen verweigert wird). Ich will ja ungerne brüllen, um auf mich aufmerskam zu machen, außerdem hasse ich es, wenn Dritte mithören können, was sich im Bus leider kaum vermeiden lässt. (All das bezieht sich irgendwie schon wieder aufs Busfahren; ich bin wohl besessen davon.)
Wie vergleichsweise einfach ist dagegen die Aufnahme eines Gespräches mit Personen[1], die einfach nur dasitzen und (verträumt) in die Gegend oder aus dem Fenster starren, ohne dabei Ohrstöpsel in den Gehörgängen kleben zu haben!
So saß ich vor einigen Wochen im Bus und friemelte mir gerade selber die Stöpsel ins Ohr, um das unsägliche Gerede von zwei Tratschtanten nicht ertragen zu müssen. Mein Musikplayer hat die wunderbare Funktion des Noise Cancelling eingebaut, was bedeutet, dass die Außengeräusche merklich gedämpft werden. Meistens lausche ich also krachenden Tönen von Metallica oder dem intimen Gesäusel einer Charlotte Gainsbourg (da besonders The Operation aus dem Album 5:55). An diesem Tag, ein, sagen wir: Donnerstag, saß ich sehr weit hinten und sah in diesem Moment, dass eine Kommilitonin einstieg. Ich begehrte sie, hatte aber noch keine Möglichkeit, ihr das mitzuteilen. Sie nahm vorne in der dritten Reihe Platz und ich verstaute meinen Musikplayer sofort wieder in meinen Brustbeutel. Es dauerte zwei Stationen, bis ich endlich stand und mich nach vorne kämpfte. Nach kurzem Zögern tippte ich ihr auf die Schulter und fragte, ob ich mich zu ihr setzen dürfe (ich bin ja höflich). Sie musste mich natürlich lassen (sie ist ja höflich). Wir unterhielten uns usw. Das war definitiv besser, als die “zwanzig” Minuten hinten auf dem Sitz zu hocken und Metallica zu hören, auch wenn es sich hier ohne Zweifel um eine der besten Bands der Welt handelt[2]
—
“Vorgestern” saß mir eine Schwarzhaarige gegenüber, iPod hörend und aufs Display starrend. Ich war sogleich gehemmt, eine Konversation zu beginnen, wobei ich sie so viel hätte fragen wollen. Ich stieg enttäuscht und frustriert aus, hegte großen Hass auf die Welt, auf die Technologie und auf Apple, schoss zur Beruhigung einige, tja, was schießt man da so? Wachteln? Enten? Störche? Jedenfalls habe ich die alle erschossen, ausgenommen, gebraten und gegessen, alle Enten und Störche und auch noch das süße braune Pferd von nebenan. Es war ein Festmahl und dann hatten wir alle Sex und waren überglücklich.
—21.01.2010
Meine Rückreise wird zu einer Odyssee. Wenn ich aufstehe, habe ich schon keine Lust mehr, weil ich weiß, was vor mir liegt. Eine Stunde meines Lebens werde ich damit verbringen, zu stehen und zu warten. Ich werde aus dem Fenster schauen, im Stau stehen. Neben mir werden Fremde sitzen, die nicht mit mir reden. (Nur selten gelingen Gespräche.) Lustlose Blicke, gesenkte Gesichter, müde Augen. Apathie, aufs Handy starren, lesen, Musik hören. Niemand will, alle müssen.
Heute war es voll im Bus, das hab ich so auch noch nicht erlebt. Richtig scheißevoll. Ich bin rein und dachte mir: Ganz hinten ist noch was frei, ich brauch ja nicht viel Platz, also hin da. Die Musik stoppt, die Frau vor mir beeilt sich, kriegt tatsächlich noch einen Sitz neben so einer wirklich alten Frau mit grellweißen Haaren. Ich bin nun hinten im Bus angekommen, reiße erst mal irgendwelche Taschen zu Boden, die da ungünstig abgestellt wurden. Einkaufstüten, Koffer, Rucksäcke, Kinderwagen, gackernde Hühner. Ein Trampeln, steigende Ungeduld. Ich habe Pech, hier ist alles voll. Ich fühle mich, als hätten wir hier gerade Reise nach Jerusalem veranstaltet und ich hab verloren. Scheiße. (Im Weggehen bemerke ich, dass da tatsächlich ein Mann so fett ist, dass er da zwei Sitze mit seinem Fleisch belegt.)
An der Tür, am Ausstieg, finde ich einen schönen Stehplatz und verweile dort. Es ist zum Kotzen. Auf den zuklappbaren Zusatzsitzplätzen hocken zwei Proleten, einer von ihnen lässt sein Mobiltelefon einige Klingeltöne abspielen. So brüllt sein Handy mit blechernder Stimme: Fotze![1] Haha. Urkomisch. Und wieder: Fotze! Die beiden kichern und biegen sich vor Lachen. Ein großes Bruhaha. Es steigen noch mehr Leute zu, Körper schieben sich dicht zusammen und sie rufen: «Weitergehen! Platz machen!» Es ist wie bei einer Deportation. Fehlt nur, dass ein SS-Scherge mit Gewehrkolben für Platz sorgt.
Ich gebe nach und auf. (Steige aus.)
—18.01.2010
(…)
Die Ampel war rot, aber ich ging trotzdem rüber, vorbei an einer Frau, die mit ihren Kindern brav wartete. Ich hatte meinen Koffer dabei – ich war bereit. Ich war fast auf der anderen Straßenseite angelangt, als hinter mir einer aggressiv zu hupen begann und mir fast ins Gesäß krachte. Hier war fünfzig erlaubt, aber die fuhren hier natürlich alle achtzig und schneller, die hatten es ja eilig. Ich rief noch schnell: «Verficktes Arschloch!», und beeilte mich, denn ich war spät dran.
Meyer saß schon an einem kleinen runden Tisch, rauchte und nippte gerade an seinem Espresso. Ich setzte mich dazu und bestellte bei der blonden Bedienung ein Wasser, weil ich heute schon zu viel Kaffee hatte und der braune Schmodder mir noch in den Mundwinkeln hing. Meyer und ich redeten ein bisschen über dies und das, Triviales, bis ich ihm meinen Plan schilderte, abschließend mit den Worten: «Der Flieger geht in vier Stunden. Wir bleiben, bis uns das Geld ausgeht.»
Und weil Meyer «eigentlich nichts» zu tun hatte, erklärte er sich sofort bereit: «Dann mal los.» (Er stand auf und trank den letzten Schluck Espresso, dabei verschluckte er sich und hustete bis sein Kopf grellrot wurde. Es war mir unangenehm und ich schaute weg.)
Wir fuhren anschließend zu Meyer, der seine Klamotten in einen Seesack stopfte, seinen Namen mit Edding außen drauf schrieb und noch zügig eine offene Flasche Bier leerte. «Wird doch schal sonst.»
Später am Flughafen kauften wir die labbrigen Tickets und croissantförmige Nackenkissen sowie einige Spirituosen, die wir in glänzenden Plastiktüten ins Flugzeug schleppten.
«Wir haben die Pralinen vergessen!», fiel es Meyer ein, als wir an unseren Plätzen (Fenster- und Mittelplatz) ankamen. Er bahnte sich den Weg zurück zum Ausgang. Eine Stewardess stellte sich in seinen Weg, fragte: «Wo wollen Sie denn hin?»
«Pralinen!», erklärte Meyer knapp und schubste die Blondine liebevoll zur Seite; sie kreischte etwas und plumpste einem dicklichen Mann auf den Schoß. Das Gesicht des Mannes errötete, er kicherte verlegen. Ich schnallte mich schon mal an und studierte die laminierten Sicherheitsinstruktionen. Später aßen wir Pralinen.
(…)
—14.01.2010
[...] In einem anderen Zusammenhang, fand ich heraus, warum es Yellow Press heißt. Werde das sicherheitshalber überprüfen müssen und es dann vielleicht verraten[1]. / Mir fehlen einfach genügend Uhren im öffentlichen Raum. / Die Bahn ist so was von voll. Und es werden immer mehr. Wir stehen bis zu den Knien im Tauwasser. Vermischt mit kleinen Steinchen, die am Grund liegen. Sie diskutieren hinter mir über die Dichte von Salzwasser. In solchen Momenten verachte ich jeden, der Chemie oder Physik studiert – das hält man doch im Kopf nicht aus!
In der Selbstbedienungsbäckerei[2]. Die Kassiererin macht «Mmmmh», als sie mein Hühnchen-Baguette betrachtet. Sie übertreibt. Wenn man hier mit seinem Tablett durch die Gegend rennt, kann man nur hoffen, dass einem niemand im Vorbeigehen aufs Brötchen hustet. / Der Schnee sieht inzwischen wie Sand aus. Bin deshalb jetzt barfuß unterwegs. Und im T-Shirt. Kaufe mir Rum und liege herum, mich sonnend, trinkend. Schön. [Hier böte sich an, etwas über The Rum Diary zu schreiben; ein wunderbares Buch.]
Mmmmh.
—13.01.2010
Ein dumpfes Krachen. Ich habe es kommen sehen. Ein Golf rammt den Bus, in dem ich sitze. Die Fahrer steigen aus, wir gaffen. Der Busfahrer haut dem jungen Man jovial auf die Schulter und sagt so was wie: «Da hast du Scheiße gebaut – weißt du selber, ne?» Die Fahrt geht weiter. Einige sind in Panik ausgestiegen. Klar, das hätte Stunden dauern können. Fünf Minuten Verspätung. Es wird wieder Platz genommen.
Yeah, endlich sitzen.
I am Iron Man! / Has he lost his mind? / Can he see or is he blind?
Die Fremde isst neben mir Pommes aus der Papiertüte. Ich sage: «Uh, McDonald’s!» Sie sagt: «Ja.» Ich frage mich, was sie denkt, ich frage mich, ob sie das hier lesen wird. Natürlich nicht, wäre ziemlich unwahrscheinlich, aber doch möglich. Dabei weiß ich nicht mal ihren Namen; sie meinen aber auch nicht[1]. Wenn sie spricht, schaut sie nach vorne, so, als würde sie den Bus steuern, als müsste sie auf den Verkehr achten. Manchmal dreht sie sich um und schaut nach, was hinten vor sich geht. Ist da nicht doch was frei? Beim Aussteigen sagt sie noch «Tschüss» und ich stehe auf dem kalten Boden, auf dem festgetretenen Schnee.
—
Mich plagt ein Ohrwurm: I am Iron Man! / Has he lost his mind? / Can he see or is he blind?[2] Ein alter Mann fällt aus dem Bus in den weichen Schnee, verbleibt am Boden, sich auf Händen und Knien abstützend. Seine Beine zittern. Er schafft es nicht, sich alleine aufzurichten. Helfer kommen herbei, auch der Busfahrer steigt aus und zu dritt richten sie den alten Mann auf, der sofort zu motzen beginnt. Ziel seiner verbalen Attacke ist der Busfahrer, er habe das Fahrzeug beschissen geparkt, viel zu weit vom Bordstein entfernt. Es wird gelacht. Weißt du selber, ne?
—12.01.2010
Es ist Dienstag und ich stehe eine Stunde später auf. Ich könnte nun los, zum Bus und so weiter. Oder ich könnte hier bleiben und erst mal in Ruhe zwei, drei Folgen Seinfeld gucken. Ich bleibe und gucke. Heute sind Uni-Wahlen für das Fantasieparlament, für den Luftsenat, für die imaginären Vertreter für jene, die gar nicht vertreten werden wollen[1] Ich war schon im letzten Jahr nicht wählen. Da hört man gerne mal, so als Vorwurf gedacht: Gerade du als Politikstudent! Das ist genauso originell, wie die Annahme, dass ich mal Bundeskanzler werden will. Da scheiß ich doch drauf. (Im Fahrstuhl hingen Fotos von so mancher Hackfresse, die ich schon in der Schule ertragen musste. Hört das denn nie auf?)
Yeah, endlich sitzen.
Ich halte es für Absicht, dass in der Mall[2] keine einzige Uhr zu sehen ist. Der Konsument soll die Zeit vergessen und kaufen, kaufen, kaufen. Man kann aber auch essen (essen, essen), wenn man will, und viele wollen, es ist immer voll. Nur unter Woche hält sich das in Grenzen. Dabei ist das Essen nur so mittelgut; zäh und faserig. (Und hier endet der Text, weil ich keine Luft mehr habe.)