—31.12.2009
Silvester. Morgen ist zwanzig-zehn. Ehrlich gesagt, würde ich gerne außer Landes sein, ins Exil gehen. Würde gerne irgendwo im Warmen liegen, am Strand, die Füße vom Meerwasser umspült. Als Kind hat mir mal irgendwer eine Handvoll Sand ins Gesicht gepfeffert, in die Augen, und ich schrie und war blind und irrte über den warmen Sand, bis mich mein Vater fand und mir den Sand aus den Augen wusch. Ich mag diese großen tiefen Löcher, die man in den Sand buddelt und in diesem Loch liegend merkt man den Wind nicht mehr, es ist still, windstill, und man hat seine Ruhe. Wäre ich jemand anders, würde ich zum Flughafen fahren und versuchen Last Minute was zu kriegen.
Silvester. Böller, Raketen, Sekt. Furchtbar. Ich war mal am Times Square in New York, es war der Jahreswechsel 97 zu 98, es war voll, alles voller Menschen; es war kalt und ich war zwölf Jahre alt. Aber es war großartig. Diese Freude, die Energie. Da war was los, ordentlich.
Blitzeis. Schnee. Glätte. Ach, aber so schlimm ist das natürlich alles nicht. (Der Mann im Radio[1] warnt gerade vor Schnee und Glatteis. Er rät den Autofahrern, auf die Bahn umzusteigen oder ein Taxi zu nehmen. Sind Taxis nicht, uh, auch Autos? Okay.)
—30.12.2009
1
Eine enge Straße, die sich in Serpentinen an einem Berg entlang schlängelt. Eine kitschig-grelle Landschaft, illuminiert vom warmen goldenen Licht der Abendsonne. Saftige Wiesen, schroffe Felsen und mittendrin ein kleines Gästehaus, zwölf Zimmer, in einem verschlafenen Dorf.
Im Katalog, der vor mir lag, nannten sie das «atemberaubend».
Ich sah aus dem großen Fenster nach draußen, dort fielen aus dem grauen Himmel kleine Schneeflocken, sie wurden vom kalten feuchten Wind durch die Luft getragen, landeten auf dem grauen Asphalt und schmolzen. Wir saßen in einem Reisebüro, uns gegenüber hockte ein junger Mann und starrte abwechselnd auf Drucker und Bildschirm. Der Mann kaute nervös auf den Fingernägeln herum, während er fassungslos auf seinem drehbaren Schreibtischstuhl saß. Plötzlich schlug er in einem Anfall von Wut auf die Tastatur ein, die Escape-Taste flog durch die Luft.
«Das Scheißding sollte jetzt eigentlich drucken!», motzte er mit rotem Kopf, er sprach teils mit uns und sich, verhandelte aber eher mit der Maschine, die still auf dem Schreibtisch stand und gar nichts machte. «Komm schon!», flehte er.
Der Wind frischte auf, es wurde leise geflucht: «So ein Scheißwetter.»
Eine kleine rote LED blinkte hektisch.
«Papierstau?», versuchte ich.
«Das hat er manchmal», sagte der Mann, der eine Brille auf der Nase trug, die er alle paar Momente mit dem rechten Zeigefinger zurück an die Nasenwurzel schob. An den Wänden hingen eine Weltkarte und einige Poster, die Strände zeigten; lange Strände, Palmen, weißer Sand und kristallklares Wasser.
«Ach, ein Auto müssen wir auch noch mieten», sagte Alice plötzlich.
«O ja», bestätigte ich und kramte ein Taschentuch hervor, um mir die Nase zu putzen.
«Okay, dann muss ich das noch mal alles neu machen und ausdrucken», moserte die Brille, aber das rote Blinken verschwand nicht und am Ende schickte er uns nach Hause und ich buchte alles online.
Alles lesen …
—29.12.2009
Es wird mir schnell überdruss, am Mineralwasser zu nippen. Also trinke ich auch oft Eistee. Ich hasse Eistee; eigentlich. Was trinken normale Leute, frage ich mich. Was trinken erwachsene Leute? Wahrscheinlich Wasser. Vielleicht Cola, aber die mag ich überhaupt nicht.
Als ich bei der Jugendfeuerwehr war (vor mehr als einem Jahrzehnt!) und wir durch eine Kleinstadt marschierten, so wie Nazis, so wie Soldaten, im Gleichschritt, in Uniform, als Ersatz vielleicht, weil man in Deutschland lieber nicht mehr mit Gewehr und Helm durch die Gegend flaniert; in der Jugendfeuerwehr jedenfalls war es, als sie uns Dutzende Gläser Cola hinstellten. Es war heiß, wirklich heiß, und hinter uns lag ein langer Marsch. Ich hatte Durst, aber so was von, aber ich hasse Cola. Ich hatte zwei Mark dabei, vielleicht drei, und musste mir eine Sprite kaufen. Ein kleines Glas, das ich in einem Zug leerte. Ich hatte noch immer Durst, aber kein Geld mehr. Etwas leihen wollte ich mir nicht, das war mir unangenehm. (Im Prinzip hatte auch keiner Geld dabei. Scheiß armes Gesocks!) Also litt ich, während die anderen Cola soffen und grinsten. Ich hasste diese Leute eigentlich und ich hasste auch die Jugendfeuerwehr, den Ausmarsch und das beschissene im Gleichschritt gehen. Links, rechts, links, rechts, links. (Ich bin dann ausgetreten, aus der Feuerwehr.)
—
Ich erinnere mich an eine verstörende Szene: Wir, die Feuerwehr und der Musikzug, marschierten abends durch “unser” (deren) Dorf, wir hatten Fackeln in der Hand und als wir am Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege vorbeikamen, hieß es so was wie: Augen nach links! Die Blicke schwenkten zum Denkmal. Den Toten gedenken, den Gefallenen. Den beschissenen Wehrmachtssoldaten, die für ein beschissenes Reich einen beschissenen Krieg geführt haben. Fickt euch, ihr könnt mich mal!
—29.12.2009
Im Wald steht ein Mausoleum, das sich ein Graf hatte bauen lassen. Als er starb, wurde er in einem Zinksarg gelegt und die schwere Eichentür des Mausoleums schloss sich. Hundert Jahre vergingen, zwei Weltkriege wüteten im Land:
Trrtrr! Pfff. Trrtrr!
Wollt ihr den Totalen Krieg?!
Fff! Uh. Rrpr.[1]
Dann stemmten Unbekannte die schwere Tür auf, öffneten gewaltsam den Sarg und raubten dem Grafen die Uniform sowie seine Abzeichen. («Geil: ‘n Toter!») Andere Menschen kamen, nahmen Steine mit, das Mausoleum verfiel. War auch hässlich, eigentlich.
Heute steht da nur noch eine Ruine, das Skelett; auf dem Waldboden liegen die glitschigen Steine, sie sind grünlich und mit Moos bedeckt. Nachts feiern hier komische Leute komische Feste. Verkohlte Reste eines Lagerfeuers. Explodierte Böller. Plastiktüten. Sicherlich Hexenkulte, Tieropfer, köchelndes Blut. Oder nur ein paar Vierzehnjährige, die sich gegenseitig ihre Pimmel[2] zeigen und ihren Künstlernamen an die zerfallenen Wände schmieren. Große Spinnen hausen in den Fugen und Ritzen. Schwarze dicke Leiber.
—29.12.2009
Neulich hatte ich mir zwei (2) Ideen auf ein Post-it geschrieben. Das ging, weil Stift und die kleinen Klebezettel in Reichweite lagen. Meine Handschrift ist krakelig und hässlich, aber ich kann’s lesen. Ich kenne ein Mädchen (ich liebe sie vielleicht) mit einer Handschrift, die man getrost als unleserlich bezeichnen kann; unmöglich, ihr Gekrakel zu entziffern.
Mein ordentlich beschriebenes Post-it war daraufhin verschwunden, das war ziemlich schnell gegangen, sagen wir, bereits am nächsten Morgen! An eine der beiden Ideen kann ich mich vage erinnern und das Wenige, das mir einfällt, gefällt mir nicht mal besonders. Die andere Idee, die viel bessere, ist für immer verloren. Das ist zu befürchten, damit muss ich leben. (Trauerphasen, fünf.) Da wollte ich einmal meine Gedanken auslagern, outsourcen und nun das. Dabei hatte ich mir wirklich Mühe gegeben, hatte all mein Blut ins Gehirn gepresst, um mich an diese gute Idee zu erinnern. Aber nichts; die ist weg.
(Insgesamt aber auch nicht so schlimm, meine Ideen sind momentan sowieso eher nur mittelmäßig. Kein großer Verlust, denke ich.)
Post-it is a trademark of 3M.
—28.12.2009
Dies ist der erste Artikel. Sie können ihn bearbeiten oder löschen. Aufstehen, gähnen. Gedanken fallen ein. (Wie unangekündigter Besuch, dem man in Unterhose die Tür öffnet.) Das wartende Flugzeug am Anfang der Startbahn. Voller Schub. In den Sitz gepresst werden, abheben. Menschen werden zu Ameisen. Ich durchtrenne die Nabelschnur. Geschrei. Heulen. Genesis. Urknall.
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Dieses Blog wird Fragmente beinhalten, ein (literarisches) Experiment sein. Ich werde alles veröffentlichen, was ich schreibe. Unfertige Gedanken, Geschichten, Lügen und Wahrheiten. Warum Brandalt?[1] Vielleicht ist das, was hier stehen wird, zum Erscheinen bereits veraltet. Ich werde das Konzept ausarbeiten müssen. (Und so weiter.)
Der letzte Eintrag wird dann natürlich Ende heißen und weitere Assoziationen enthalten. Hoffentlich wird es bis dahin noch eine ganze Weile dauern. Jahre vielleicht.